Lebenshilfe: Vom Elternverein hin zu einem gemeinnützigen Wirtschaftsunternehmen

Die Lebenshilfe München wurde vor 60 Jahren gegründet.
Wir haben dies zum Anlass für einen kleinen Rückblick genommen
und veröffentlichen unsere Reportage vom 15.03.2017 erneut.

Vom Anfang der Lebenshilfe bis in die 80er-Jahre

Um die Arbeit der Lebenshilfe München einschätzen und verstehen zu können, hilft ein Blick in die Geschichte. Die spezielle Entwicklung des Elternvereins, der lange auch als Selbstinitiative von betroffenen Eltern wahrgenommen wurde, kam 13 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit nicht von ungefähr. Vielen Eltern erschien die Gründung der Lebenshilfe damals als ein “Lichtstrahl im Schattendasein ihrer behinderten Kinder. Eltern ermutigen sich gegenseitig, ihre Kinder nicht mehr zu verstecken, sondern selbstbewusst zu ihnen zu stehen. In zahlreichen Städten und Landkreisen gründen sie Orts- und Kreisvereinigungen der Lebenshilfe und organisieren Hilfe und Förderung.“ (Quelle)

In den 60er-Jahren entstanden erste Tageseinrichtungen, Kindergärten und (Sonder-) Schulen. Dahin führte ein langer und harter Weg der Eltern, galten doch Menschen mit geistiger Behinderung als dafür ungeeignet. Heute völlig unvorstellbar, doch damals musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Menschen mit geistiger Behinderung sollten nicht mehr nur verwahrt – etwa in Psychiatrien – und versorgt, sondern gezielt gefördert werden.

In den 70er-Jahren entstanden dann die ersten Lebenshilfe-Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung, Frühfördereinrichtungen und betreute Wohneinrichtungen.

Mit dem Alter von Menschen mit geistiger Behinderung
wachsen auch die Angebote und die spezielle Förderung

Peter Puhlmann, Geschäftsführer der Lebenshilfe München erklärt: „Parallel zum Älterwerden der Kinder wuchsen die Angebote der Lebenshilfen in ganz Deutschland, auch hier in München. In den Heilpädagogischen Tagesstätten etwa betreuen wir die Menschen bis zum 18. Lebensjahr, und die Werkstätten ermöglichen den Einstieg und Verbleib im Berufsleben.“

Sehr viele Impulse und Fortschritte sind dabei dem unglaublichen Einsatz der betroffenen Eltern geschuldet, sowie den engagierten Pädagogen und Lehrkräften. Auch manches Gesetz, etwa die Novellierung des Bundessozialhilfegesetzes 1974 mit der Einführung eines einheitlichen Behindertenbegriffes, war nötig, um die rechtlichen Rahmenbedingungen und Fördergelder zu erwirken.

Original aus dem L.I.E.S. – Heft. Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

Der Betrieb von Tageseinrichtungen, die Heilpädagogischen Tagesstätten (HPT) von heute, Frühfördereinrichtungen, Werkstätten und betreute Wohneinrichtungen waren natürlich mit einem rein ehrenamtlichen Engagement von Eltern nicht mehr zu schaffen. Dazu kam in den 80er-Jahren noch die Offene Behindertenarbeit (OBA) und später der Familienunterstützende Dienst (FUD).

„Ja damals, bis 1970, war die Lebenshilfe in München noch ein kleiner Verein, doch wir hatten immerhin schon 1000 Mitglieder. Neben einem kleinen Büro gab es noch eine Sekretärin, aber keine Wohnstätten, keine OBA und auch noch keine Elternberatung, zumindest offiziell nicht. Denn geholfen haben wir uns gegenseitig immer“, erinnert sich die Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe München, Gerlinde Englmann. (Quelle)

In den 80er-Jahren heutige Struktur geschaffen

Das änderte sich in den 80er-Jahren. Die Lebenshilfe München nahm langsam jene Form an und jenes Leistungsspektrum auf, das im Wesentlichen bis heute besteht. Ausgenommen der ‚Ambulante Dienst‘, der in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Die Organisationsstruktur als Verein blieb bis 2007 nahezu unverändert bestehen, und im Innenverhältnis war ein Geschäftsführer aktiv. Die zentrale Verwaltung, also etwa die Finanz- oder Personalverwaltung, wurde von hauptamtlichen Kräften bewältigt.

Das Neben- und Miteinander von Eltern, Betreuern, Hauptamtlichen, Fachkräften aus allen Bereichen, vor allem von Pädagogen, Erziehern und Heilerziehungspflegern, brachte einen ganz neuen Prozess in Gang. Es führte zu mehr Dynamik in der Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung.

Zur Unterstützung der Ziele und Aufgaben des Vereins „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. Stadt und Landkreis München“ wurde bereits 1969 ein Kuratorium gegründet, das den Elternverein bei schwierigen Fragen und Entscheidungen bis heute immer begleitet. Es ist besetzt mit Politikern, Medizinern, Ärzten, Unternehmern und prominenten Persönlichkeiten.

Rehabilitation statt Verwahrung

Bei allem Wachstum und Erfolgen des Elternvereins war immer das Wohl und die Förderung der Kinder das zentrale Anliegen. Dabei hat sich in den Jahrzehnten bis in die 80er-Jahre einiges im Bewusstsein der Bevölkerung verändert. Hat man in den Anfängen noch um eine Rehabilitation statt einer Verwahrung gekämpft, normalisierte sich das Verhältnis zu Menschen mit Behinderung und man war um Integration bemüht. Langsam erreichte das Thema der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung das Denken von Politikern und Verantwortlichen. Auch hier waren es wieder die Eltern und Pädagogen, die es mit Nachdruck einforderten.

Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet bis heute die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006. Doch bereits früher gab es klare Forderungen, etwa eine „Erklärung der Rechte geistig behinderter Menschen“ (Declaration on the Rights of Mentally Retarded Persons) aus dem Jahr 1971 oder die „Erklärung der Rechte der behinderten Menschen“ (Declaration on the Rights of Disabled Persons) aus dem Jahr 1975. Eine der Forderungen betraf den Schutz vor Diskriminierung für Menschen mit Behinderungen. In dieser Erklärung ist festgelegt, dass Menschen mit Behinderungen dieselben Menschenrechte genießen wie gleichaltrige nicht behinderte Menschen – und das ohne Einschränkung und unabhängig von der Art der Behinderung. (Quelle)

Wohngruppen für ein selbständiges Leben

Die unglaubliche Dynamik des Elternvereins ist auch innerhalb der Lebenshilfe München deutlich zu sehen. 1978 konnte die erste Wohneinrichtung in der Hofbauernstraße eröffnet werden. In den 80er Jahren folgten gleich sechs weitere Häuser und Wohnungen, wo Menschen mit geistiger Behinderung in kleinen Gruppen von bis zu 12 Personen unter Betreuung zusammenleben und ihren Alltag weitgehend selbständig gestalten. Alle Bewohner sind tagsüber in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung berufstätig.

Für den Elternverein bedeutete es nicht nur eine enorme finanzielle Leistung – für jedes der Häuser und Wohnungen bis zu einer Million Deutsche Mark. Es mussten die Objekte gefunden werden, Angebote verglichen, Verhandlungen geführt, Umbauten durchgeführt und letztlich auch die Organisation des Ganzen bis hin zum Bezug und zur Betreuung der Wohngruppen geleistet werden. Es war für die Lebenshilfe Neuland.

Mit einem Training auf die Freiheit vorbereiten

In einem frühen Erlebnisbericht im L.I.E.S.- Heft heißt es dazu: „Für den Einzug soll zunächst ein Wohngruppen-Training vorangehen. Ziel dieses Kurses war es, die Behinderten mit den Erfordernissen eines relativ selbständigen Lebens vertraut zu machen: vom Haushalten mit dem eigenen Geld, dem Vermitteln von hauswirtschaftlichen Fähigkeiten wie kochen oder putzen, dem Zurechtfinden in der Stadt, der Erledigung von Behördengängen bis hin zu sozialen Fähigkeiten, die im Zusammenleben wichtig sind.“

Bei der Standortwahl achtete man auf eine gute Anbindung an Bus und Bahn, sowie die Nähe zu Geschäften, Arztpraxen und Apotheken. Das Ganze war eine echte Meisterleistung der Lebenshilfe München in den 80er-Jahren. Und vor allem war man dem Ziel eines selbstbestimmten Lebens für Menschen mit geistiger Behinderung sehr nahe gekommen. Die Eltern wussten und wissen ihre Lieben bis heute ‚in guten Händen‘ und waren von mancher Sorge befreit.

In den 70er und 80er-Jahren fand der Elternverein zu seiner Struktur, wie sie heute im Wesentlichen besteht. Dies wird bei der Lebenshilfe München gut sichtbar.
In den Siebzigern: die Gründung der Werkstätten (1972 in Sendling), der mobilen Frühförderung (1976), der Offenen Behindertenarbeit (1977) und die Eröffnung einer ersten Wohnstätte (1978)

In den Achtzigern: folgten von 1980 bis 1988 der weitere Erwerb und Betrieb von sechs Wohnstätten, die Eröffnung der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) und Schule an der Neuherbergstraße, der Familienunterstützende Dienst (FUD) und die Gründung der Lebenshilfe Stiftung.

Ein nächstes großes und sichtbares Zeichen setzte die Lebenshilfe München 1997 mit dem Bezug des Büro- und Wohnkomplexes in der St. Quirin-Straße.

Lesen Sie dazu mehr in unserer nächsten Folge:
lebenshilfe-muenchen-gewinnt-an-bedeutung/

Reportage: Gerd Spranger

Lebenshilfe München geht neue Wege

In unserer ersten Folge verfolgten wir den Weg der Lebenshilfe München
von den 60er-Jahren bis in die 80er-Jahre. Im zweiten Teil
standen die 90er-Jahre im Mittelpunkt und mit dem dritten Teil gehen wir
ins nächste Millennium, also bis in das Jahr 2016.

In 50 Jahren viel geleistet und erreicht

Mit Stolz blickte der Elternverein ‚Lebenshilfe-München‚ bei seinem 50jährigen Jubiläum im Jahr 2010 auf viel Geleistetes zurück. In der Jubiläumsschrift war darum zu lesen: „„Es gilt den Bestand zu erhalten, zu verbessern und krisensicher zu machen.“ Das war angesichts von 25 Einrichtungen in Stadt und Landkreis München eine große Aufgabe. Betreut wurden täglich bereits 1500 Kinder und Jugendliche und deren Familien. In der Beratung der Lebenshilfe München jährlich viele hundert Fälle und auch die Frühförderung ist viel in den Familien, in Krankenhäusern und in Kindergärten beratend und helfend tätig.

Verein organisiert sich mit zwei neuen Gesellschaften

Modernisierung und Ausbau der neuen Geschäftsstelle in München/ Giesing war eine große Aufgabe für den Verein. 1997 wurde sie eröffnet.

Die Fülle an Diensten und Aufgaben verlangte aber nach neuen Strukturen. Bereits ab 1997 beschäftigte sich ein eigenes Gremium damit. Zehn Jahre später, 2007 war es dann soweit. Man trennte das laufende Geschäft aus den 10 Wohnstätten organisatorisch vom Verein. Der Besitz an den bestehenden alten Stadthäusern, Wohnungen und der modernen Einrichtung in Putzbrunn verblieb natürlich zu 100 Prozent beim Verein der Lebenshilfe München e.V. Die laufenden Verträge, Einnahmen, Ausgaben und der laufende Betrieb aber wurde in die Hände der „Lebenshilfe München Wohnen gGmbH“ gelegt. Das kleine ‚g‘ bei der GmbH steht für ihre Gemeinnützigkeit.   Weiterlesen

Lebenshilfe: Vom Elternverein hin zu einem gemeinnützigen Wirtschaftsunternehmen

Vom Anfang der Lebenshilfe bis in die 80er-Jahre

Um die Arbeit der Lebenshilfe München einschätzen und verstehen zu können, hilft ein Blick in die Geschichte. Die spezielle Entwicklung des Elternvereins, der lange auch als Selbstinitiative von betroffenen Eltern wahrgenommen wurde, kam 13 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit nicht von ungefähr. Vielen Eltern erschien die Gründung der Lebenshilfe damals als ein “Lichtstrahl im Schattendasein ihrer behinderten Kinder. Eltern ermutigen sich gegenseitig, ihre Kinder nicht mehr zu verstecken, sondern selbstbewusst zu ihnen zu stehen. In zahlreichen Städten und Landkreisen gründen sie Orts- und Kreisvereinigungen der Lebenshilfe und organisieren Hilfe und Förderung.“ (Quelle)

In den 60er-Jahren entstanden erste Tageseinrichtungen, Kindergärten und (Sonder-) Schulen. Dahin führte ein langer und harter Weg der Eltern, galten doch Menschen mit geistiger Behinderung als dafür ungeeignet. Heute völlig unvorstellbar, doch damals musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Menschen mit geistiger Behinderung sollten nicht mehr nur verwahrt – etwa in Psychiatrien – und versorgt, sondern gezielt gefördert werden.  Weiterlesen

Lachmuskel trainieren mit Leberkäs und Strapse

Im Theater mit der Lebenshilfe München – Besuch bei der Weiss-blauen Bühne in Pasing

Allein schon der Titel des Theaterstücks ‚Leberkäs und rote Strapse‘ lässt die Komödie erahnen. Leberkäs und rote Strapse, sie mögen nicht wirklich zusammenpassen – oder doch? Auf alle Fälle muss es ein bayerisches Theaterstück sein, denn Leberkäs – der Brotzeitklassiker – ist nun mal ganz bayerisch. Die Rolle der Geschlechter ist klar definiert, nach Leberkäs und rote Strapse, auch das ist echt bayerisch. Zur Aufführung kam das Stück mit der ‚Weiss-blauen Bühne‘ im Gasthof „Zur Post“ am Pasinger Marienplatz, sozusagen direkt im Herzen Bayerns.    Weiterlesen

Neue Leitung in Putzbrunn

(gsp) In der Waldkolonie der Gemeinde Putzbrunn sind die neuesten und größten Wohnstätten der Lebenshilfe München zu finden. In zwei Gebäudekomplexen werden in sieben Gruppen 52 Menschen mit Behinderung betreut. Bis auf einige wenige Rentner sind alle berufstätig, gleich nebenan in der Lebenshilfe-Werkstatt oder im Förderzentrum. Ein Mitarbeiterstab von je 15 Betreuern in zwei Schichten, plus einer Nachtwache, sorgen sich um das Wohl der Bewohner. Seit 15. September ist Christine Wiesenthal-Moser die neue Einrichtungsleiterin.

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Christine Wiesenthal-Moser mit viel Optimismus bei der Arbeit / Foto: gsp

Mit Elan und viel Optimismus geht sie die neue Aufgabe an. Sie ist in München aufgewachsen und verheiratet. Zuletzt war sie Pflegedienstleiterin in einem ambulanten Dienst. „Es ist natürlich immer ‚das große Ganze‘, aber auch viele, viele ‚Kleinigkeiten‘, die erledigt werden wollen. Das heißt auch für mich immer wieder nachfragen, manches mal auch hinterfragen.“ Dabei freut sich Christine über die ‚offene Ohren‘ in der Geschäftsstelle der Lebenshilfe München. Der Teamgeist ist ausgeprägt, und das ist ihr auch in Putzbrunn ganz wichtig.   Weiterlesen

Die Anfänge der Wohnstätten

Die Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe München, Gerlinde Engelmann, erinnert sich

Im Juli feierte die Wohngemeinschaft an der Hofbauernstraße, unweit von Schloss Blutenburg, ihr 35-Jähriges Bestehen. Es war die erste Wohnstätte der Lebenshilfe München. Gerlinde Engelmann war damals bereits aktiv im Elternverein, seit 1980 im Vorstand. Sie erinnert sich noch gut an die positive Aufbruchstimmung. Bis heute ist sie Ehrenvorsitzende und Trägerin zahlreicher Auszeichnungen, bis hin zum Bundesverdienstkreuz.

„Ja damals war die Lebenshilfe in München noch ein kleiner Verein, doch wir hatten immerhin schon 1000 Mitglieder. Neben einem kleinen Büro gab es noch eine Sekretärin, aber keine Wohnstätten, keine OBA und auch noch keine Elternberatung, zumindest offiziell nicht. Denn geholfen haben wir uns gegenseitig immer“, erinnert sich die Ehrenvorsitzende.     Weiterlesen