Die Zukunft des Wohnens für Erwachsene

Lebenshilfe München: „Zeit für neue Häuslichkeit“

Von Peter Puhlmann –

In den letzten Jahren sprach man von Innovation in Bezug auf ambulante Wohnformen, die aber ihren Erfolg meist nur in hoch selbständigen Wohn- und Betreuungsformen widerspiegelten. Der Kreis der Wohnenden war damit sehr eingeschränkt. Die Forderung nach offenen Wohnformen entspricht den Ansprüchen von Menschen mit geistiger Behinderung – aber insbesondere den Forderungen von Eltern junger Erwachsener mit geistiger Behinderung – die von frühester Kindheit an gefördert wurden und Teilhabe am Leben als etwas Grundsätzliches und Erreichbares ansehen. Es geht heute um die Zukunft des Wohnens für Erwachsene.

Gefördert vom ersten Lebensjahr an

Florian Hahn MdB, Vorsitzender der Stiftung Lebenshilfe München, besucht mit Lebenshilfe-Geschäftsführer Peter Puhlmann die Wohneinrichtung in Putzbrunn.

„Ich will, dass mein Sohn ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben führen kann, auf gar keinen Fall darf die hart erworbene Selbständigkeit meines Sohnes durch ein Behindertenwohnheim verlorengehen, wo ihm alles abgenommen wird. Alle Frühförderung, der Erfolg der Förderschule – alles in Kindheit und Jugend erreichte wäre umsonst gewesen“, so eine Mutter im Gespräch zum Thema, was sie sich ‚vom Wohnen‘ in der Lebenshilfe in Bezug auf Wohnangebote erwartet.

In den 1970er stand Wohnen ‚wie in der Familie‘ im Vordergrund. Kleine Wohnheime, in denen heilpädagogische Fachkräfte wie Eltern der Führsorgepflicht nachkamen. Dies umso mehr, je höher der Hilfegrad aber auch das Alter des/der Heimbewohners*in war. Wie das eigene Zuhause sollte auch das Zuhause der Lebenshilfe für immer sein.

Ansprüche an Lebens- und Wohnkonzepte

Hier wird deutlich, dass die Pluralisierung der Gesellschaft, der Ausdifferenzierung von Lebenslagen und Lebensstilen, die für die unterschiedlichen Lebensphasen mehr und mehr bestimmend werden, einem ständigen Wandel unterzogen sind. Sie soll den unterschiedlichsten Anspruchsgedanken gerecht werden. Diesem muss nun auch bei der Ausgestaltung von Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung Rechnung getragen werden. Dieses Ziel will ich als Vorstand der Lebenshilfe München mit dem neuen Wohnkonzept an unserem Standort Putzbrunn erreichen.

Dem Grad der Behinderung angepasst

Es ist uns zwar in den letzten acht Jahren gelungen, eine Diversität der Bestandswohnformen zu erreichen, aber jeder unserer Wohnstandorte ist somit spezialisiert und nur bis zu einen bestimmten Grad fähig, sich auf individuelle Veränderungen von Bedürfnissen und Hilfegraden anzupassen. Wie sollen auch Gebäude aus den 1930’er oder 1960’er Jahren barrierefrei – gar Rollstuhlgerecht sein? Zum damaligen Zeitpunkt war dies noch keine bekannte Erforderlichkeit oder gar gesetzliche Vorgabe. So gesehen bietet die Lebenshilfe München ein diverses Wohnen in ganz München an: vom betreuten Einzelwohnen, über Wohnen bei Familien, ambulant betreuten Wohngemeinschaften, inklusiven Wohngemeinschaften zusammen mit Studenten*innen, Trainingswohnstätten zum realen Üben, bis hin zu gemeinschaftlichem Wohnen mit gepoolten Betreuungs- und Hilfeleistungen in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Die Spannweite reicht von erwachsen Menschen mit geistiger Behinderung mit geringer Fähigkeit zur Selbständigkeit bis hin zu Menschen mit Schwerst-Mehrfachbehinderungen [ehemals (voll-)stationäres Wohnen].

Grundsicherung und Fachleistungen

Nach wie vor fehlen geeignete Wohnplätze für Menschen mit geistiger Behinderung und hohem Pflegeaufwand wegen geriatrischer Diagnosen, meist sind es dem hohen Lebensalter geschuldete Einbußen. Es fehlen ebenso altersunabhängige verhaltensbedingte Intensiv-Betreuungsplätze. In diesem Zusammenhang sei auch der Hinweis an den Gesamtkontext erlaubt, dass der Gesetzgeber eben diese Diversität im Bundesteilhabegesetz (BTHG) sucht und umsetzt. Es wird hier ganz klar unterschieden zwischen Mietraum – also der Wohnung von der man Mieter ist aus Mitteln einer zustehenden Grundsicherung – und der davon unabhängigen Dienstleistung – die als Fachleistung nach SGB IX von Trägeren wie der Lebenshilfe München erbracht werden.

Im zweiten Teil des Beitrages stellen wir das neue Wohnprojekt der Lebenshilfe München, Putzbrunn III, vor. Es wurde bereits auf eine Strategiesitzung im Jahr 2013 angedacht.

Peter Puhlmann,
Vorstand & Geschäftsführer der Lebenshilfe München
Dipl.Päd.Univ. und Sozialbetriebswirt (TWTAG FH M)

Erfolgreich etablierte sich eine zweite Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München.
Hier geht’s zum Beitrag: https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2021/02/27/zweite-inklusive-wohngemeinschaft-der-lebenshilfe-muenchen

Viel Zustimmung fand 2020 die neue geschaffene Wohneinrichtung Willinger Weg.
Hier geht’s zum Beitrag: https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2020/11/26/viel-zustimmung-fuer-den-willinger-weg/

Unterstützung für den pädagogischen Fachdienst der Lebenshilfe

Fünf Jahre wurde daran gearbeitet und seit 13 Jahren ist sie auch in Deutschland geltendes Recht, die UN-Behindertenrechtskonvention. Eines ihrer zentralen Anliegen ist die Inklusion, die Einbindung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen. Ein Prozess der auch heute, 20 Jahre später, nicht abgeschlossen ist und immer wieder neue Herausforderungen setzt. Ein Mitgestalter und Förderer dieser Entwicklung sind die Lebenshilfen in Deutschland, und auch in München wird dieser Prozess aktiv vorangetrieben. In speziellen Wohngruppen wird ein möglichst selbständiges Leben trainiert, in Wohngemeinschaften wird es komplex umgesetzt und auch in betreuten Einrichtungen, wie etwa am Willinger Weg, geht man neue Wege.

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Rollstuhltaxis ab sofort im Einsatz

– Aus dem Münchner Rathaus –

Für Rollstuhlfahrer gibt es ab sofort bessere Beförderungsmöglichkeiten mit Taxis. Bürgermeisterin Verena Dietl hat jetzt die ersten umgebauten Taxis der Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dabei waren der Behindertenbeauftragte der Landeshauptstadt München, Oswald Utz, sowie der Sprecher des Facharbeitskreises „Freizeit und Bildung“ des Behindertenbeirats, Franz Göppel. Über die Verbesserung des Angebotes freut sich auch die Lebenshilfe München. Weiterlesen

Teilhabe ganz praktisch vermittelt

2020 greifen Neuerungen aus dem Bundes-Teilhabegesetz mit
bedeutsamen Änderungen in den Wohnstätten der Eingliederungshilfe

Die Bewohner-Vertreter der Lebenshilfe München informierten sich über die Neuerungen durch das Bundes-Teilhabegesetz. Aus allen Einrichtungen (München Land Süd, Stadt West und Stadt Mitte) trafen sich die Heimbeiräte und Bewohnersprecher in der Geschäftsstelle. Sie waren der Einladung von René Pfeifer gefolgt, der alle Bewohnervertreter der Wohnen GmbH über die anstehenden Änderungen ab dem 01. Januar 2020 informieren wollte.

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Der lange Weg hin zu einem selbständigen Leben

Lebenshilfe München fördert Menschen
mit geistiger Behinderung und mit psychischer Beeinträchtigung

(gsp) Ein Sturm der Entrüstung ergeht durch die Medien aufgrund eines so genannten ‚Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes‘, das in Bayern aktuell im Landtag behandelt wurde. Es zeigt, wie sensibel das Thema ist, wie groß die Gefahr einer Stigmatisierung und wie schwierig es ist, Menschen mit psychischer Erkrankung wieder ‚ins Leben zurück zu führen‘.

Bei der Begleitung von Menschen sind Schulungen ein wichtiger Teil um Wissen zu vermitteln und zu vertiefen. Foto: Gerd Spranger

Eine der Organisationen in Bayern, die sich dieser Aufgabe stellt, ist die Lebenshilfe München. In erster Linie werden von dem Elternverein zwar Menschen mit geistiger Behinderung gefördert, betreut und begleitet, doch seit einigen Jahren auch Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Dabei nimmt das eigene, selbstbestimmte Leben eine zentrale Rolle ein, und so ist vor allem das begleitete Wohnen ein zentraler Bestandteil der Hilfe. Ein Erfolgsmodell ist etwa die Wohngemeinschaft in der Landsberger Straße (siehe Link). Menschen mit geistiger Behinderung sowie Menschen mit psychischer Beeinträchtigung sollen verstärkt an ein selbständiges Leben und Wohnen herangeführt werden. Die Lebenshilfe München hat dazu ein eigenes Konzept erarbeitet.

Mutig sein und sich was zutrauen

Im Vorwort zu dem Konzept eines ‚Wohntrainings‘ heißt es: „Beim Wohnen geht es nicht so sehr um die technischen Fähigkeiten, sondern um die Motivation, das Zutrauen der eigenen Fähigkeiten. Es geht auch darum, mutiger zu werden, sich etwas zu trauen.“

Als Schlüsselkompetenz soll die Fähigkeiten zur Übernahme von mehr Eigenverantwortung vermittelt werden. Das bedeutet, die Selbständigkeit zu fördern. Wichtiges Merkmal von Lebensqualität ist die eigene Kontrolle der Menschen über die Belange ihres täglichen Lebens. Die notwendigen Fertigkeiten werden im Alltag erworben, mit individuellen Lernangeboten. Dazu braucht es natürlich Gelegenheiten, und die gibt es für die Bewohner des ambulant betreuten Wohnens in ausreichendem Maße. Gemäß ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten erledigen sie selber mit Anleitung durch die Mitarbeiter der Lebenshilfe die anfallenden täglichen Arbeiten im Rahmen des Zusammenlebens in der Wohnstätte.   Weiterlesen

Endlich selbstbestimmt leben

Viele persönliche Gespräche helfen. Recht im Bild: Petra Loncar

Den Wunsch nach Selbständigkeit kennt jeder von uns. Mit dem 16., spätestens mit dem 18. Lebensjahr wird er Wirklichkeit, zumindest für die meisten Menschen in Deutschland. Wunsch und Wirklichkeit treffen dann aufeinander, denn ganz allein und selbstbestimmt zu leben stellt hohe Anforderungen an die Finanzen mit der Schaffung eines geordneten Lebensumfeldes. Auch bei Menschen mit geistiger Behinderung ist dieser Wunsch ausgeprägt, doch es ist ein weiter Weg dorthin.

„Ein Gefühl für Geld bekommen“

Die Lebenshilfe München unterstützt, fördert und begleitet dabei die Menschen über viele Jahre. Aktuell etwa leben 20 Menschen mit geistiger Behinderung in zwei betreuten Wohneinrichtungen mit gezielter Anleitung zu mehr Selbständigkeit. Das beginnt beim Einkauf und reicht bis zu einem persönlichen Budget. Für 25 Euro in der Woche müssen sie etwa lernen „ein Gefühl für das Geld zu bekommen“, erklärt Petra Loncar, stellvertretende Leiterin des Wohntrainings. Alle Bewohner gehen übrigens einer beruflichen Tätigkeit nach, und sind auch hier gefordert.

Förderung und Schaffung von Kompetenzen

Es geht also vor allem um Förderung und die Schaffung von Kompetenzen. Nach Einschätzung von Petra Loncar werden es die Meisten in eine offene Wohngemeinschaft schaffen. Dort leben sie selbständig, sind aber nicht allein und auch nicht allein gelassen, denn wöchentlich ist ein Betreuer vor Ort und steht mit Rat und Tat zur Seite. „Ja, Wunsch und Wirklichkeit treffen dann auch bei Menschen mit geistiger Behinderung aufeinander. Viele unterschätzen es, ‚ganz allein zu sein‘ mit eigener Wohnung. Es ist dann nicht nur eine wirtschaftliche Herausforderung, sondern auch eine ganz persönliche.“

Das eigene Budget verwalten

Als ein weiterer Baustein auf den Weg hin zu mehr Selbständigkeit wird jetzt ein eigenes Seminar der Lebenshilfe München sein. Alle Bewohner der beiden Einrichtungen nehmen daran teil und es geht um das Verwalten des eigenen Budgets. „Das ist übrigens ein Punkt der alle gleichermaßen betrifft, denn nicht von ungefähr sind viele junge Menschen heute hoch verschuldet,“ bekräftigt Petra Loncar, „und damit stehen sie vor noch größeren Herausforderungen.“