30 Jahre Wohnheim am Willinger Weg der Lebenshilfe

Erinnerungen einer Zeitzeugin
– von Mathilde Stenner –

Das alte Wohnhaus der Lebenshilfe München am Willinger Weg wird in ein zeitgemäß modernes Zuhause verwandelt

Die Autorin war von ‚der ersten Stunde‘ an dabei, als 1988 in dem neuen Lebenshilfe-Wohnheim am Willinger Weg noch die letzten Handwerker arbeiteten. Als Pädagogin begleitete sie 30 Jahre lang das Wohnheim und seine Bewohner bis hin zum aktuellen Umzug nach Unterschleißheim. Für den Lebenshilfeblog hat sie einen kleinen Bericht geschrieben, ein Abschied-nehmen von dem alten Gebäude.

Kurz vor Weihnachten 2017 erfuhren wir, dass unser Umzug aus dem Wohnheim am 15. Januar 2018 in ein Seniorenheim in Unterschleißheim stattfinden soll. Es liegt für uns alles andere als geografisch günstig und es gab große Aufregung, Unsicherheiten, Ängste der Bewohner, die besänftigt werden mussten.

Bis Silvester lief alles noch ‚fast wie gewohnt‘. Den Jahreswechsel gestalteten wir den Ereignissen entsprechend. Nach einem leckeren Essen beim Italiener versammelten wir uns dieses Mal nicht zu einer üblichen Silvesterparty. Wir wollten einen angemessenen Abschied vorbereiten. In intensiven Gesprächen stellten wir uns vor, was im neuen Jahr auf uns wartet.

Ein Ritual für den Abschied

Wir regten die Bewohner an, über die Erinnerungen im vertrauten Wohnheim zu sprechen – über gute und weniger gute – und was sie sich für die neue Situation wünschen. Alle waren konzentriert bei der Sache und malten eifrig auf, was sie bewegte. Danach verbrannten wir in einem Neujahrsfeuer im Garten alle Blätter in einem feierlichen Ritual und bedankten uns für die vielen Erfahrungen und Erinnerungen in unserem Wohnheim. Noch lange saßen wir danach zusammen und besprachen, was die Bewohner beschäftigte bis alles „rund“ war und alle ein gutes Gefühl hatten.

Von Erinnerungen überwältigt

Hoffnungsvoll begann im neuen Jahr das Packen. Mit jeder Kiste, die wir vollpackten, tauchten mehr und mehr alte Erinnerungen auf durch die vielen wiederentdeckten alten Fotos und gelagerten Gegenstände. Sie riefen die vielen abwechslungsreichen Erlebnisse wach, die das Leben in einem Wohnheim mit sich brachte. So packte ich abwechselnd mit Tränen und dann wieder mit Lachanfällen ein. Da wurde bei mir eine wundersame Zeit wach, von der ich selbst nicht glauben kann, dass es sie gab.

Neuanfang und Aufbruchstimmung

1988, beim Neubezug des alten renovierten Wohnhauses, herrschte eine optimistische Aufbruchsstimmung.

Am 1.1.1988 begann mein Dienst im Wohnheim Willinger Weg. Damals war das Haus noch eine Baustelle. Eine alte sympathische Villa, die komplett um renoviert wurde, mit riesigem Garten. In den ersten Wochen planten wir zwischen Handwerkern und Malkübeln, wie das Konzept in „unserem“ Wohnheim sein sollte, wie wir einrichten und belegen. Neuanfang, Aufbruchstimmung, Freude am Planen, Kreieren von Visionen und Spannung darauf wie das mit den Bewohnern alles so sein würde? Ab 1. Februar zogen nach und nach die ersten Bewohner ein, Menschen mit geistiger Behinderung.

Rückblickend sehe ich, es ist alles passiert, was das Spektrum des Lebens für jeden bereit hält: Euphorie und Motivation, Spaß an der Arbeit mit den behinderten Menschen, Erfolgserlebnisse, Ärgernisse, Komplikationen, Schicksalsschläge, Kriseninterventionen, persönliche Dramen und Katastrophen!

Der Erfolg bestätigte uns

Alle Herausforderungen wurden vom Team mit großem Leistungseinsatz und Liebe zu den Bewohnern gemeistert. Oft vor Ort mit den vielen Problemen allein gelassen ohne Unterstützung von außen. Aber die Erfolgserlebnisse gaben uns die Bestätigung und die Energie für weiteres motiviert und gewappnet zu sein.

Mehr Personal und mehr Stunden

Es war alles so ganz anders. Wir hatten viel mehr Personal und das Stundenkontingent hatten wir fast 100 % für pädagogische Arbeit am Bewohner zur Verfügung. Meist waren wir zu Dritt im Dienst – heute unvorstellbar! Da gab es noch umfangreiches Freizeit- und Förderprogramm am Abend und am Wochenende. Z.B. regelmäßige Besuche von Veranstaltungen in der Stadt, Ausflüge in andere Städte, Spaziergänge, Konzertbesuche, Events im „Western Saloon“, mal schnell einen ungeplanten Biergartenbesuch usw. Wir konnten auch spontan auf aktuelle Ideen eingehen, einen Tag mit dem Bewohner selbstbestimmt und individuell verbringen, um seine Selbständigkeit und sein Selbstwertgefühl zu fördern.

Freizeit und gemeinsames Reisen

Es wurden jährlich Reisen mit den Bewohnern unternommen, Feste im Garten veranstaltet, intensive Kontakte zu Nachbarn, Pfarreien und Vereine wurden gepflegt. Irgendwie habe ich die Assoziation, das könnte gelebte Inklusion gewesen sein? Aber nein, damals kannten wir das Wort noch gar nicht. Es hieß ‚Normalitätsprinzip‘. Unsere Bewohner, Menschen mit geistiger Behinderung, sollten in familienähnlichen Gruppen so normal leben wie andere Menschen auch.

Kürzungen und Vorschriften sind Inklusions-Killer

Heute ist alles – moderner – ! Es gab Umstrukturierungen, Personalkürzungen, Sparmaßnahmen, Dokumentationsprogramme, komplizierte Förderplan-Propramme, die knappe Zeit ist voll durchgeplant mit Dienstvorschriften, Ablaufplänen und „Notwendigkeiten“, die den Raum für spontanes Leben einengen. Wir haben viel gehört über die Wichtigkeit von Inklusion. Leider ist der Wohnheimalltag so stark verplant und durch Personalknappheit und umfangreiche Kürzungen eingeengt, dass es sehr schwer geworden ist, Inklusion umzusetzen. In Zukunft findet qualitativ wertvolle pädagogische Arbeit am Bewohner, mangels eines angemessenen Büros, mit einem Laptop statt, indem im Zimmer der Bewohner die vorgegebenen Parameter direkt dokumentiert werden. Wurden die Bewohner gefragt, ob sie sich so respektvoll und selbstbestimmt betreut fühlen?

Lebenszeit ist mehr als Erinnerungen

Am 13.1.2018 verlasse ich das Haus nach meinem letzten Dienst im alten Wohnheim Willinger Weg mit Wehmut, einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich bin dankbar für die vielen schönen und auch unschönen Erfahrungen und Erlebnisse, die mir das Wohnheim mit den Bewohnern und die Lebenshilfe ermöglicht haben. Ich bin persönlich daran gewachsen und habe viel gelernt.

Abschied ist traurig, aber das lachende Auge sagt mir, es ist schön, dass ich hier meine persönliche Auffassung von pädagogisch wertvoller Arbeit im Sinne des Bewohners eine Zeit lang verwirklichen konnte. Für die Zukunft wünsche ich unseren Bewohnern, dass sie bei allen Veränderungen weiterhin das Gefühl von Zuhause haben, ein gut betreut zu sein erfahren können und ihre Lebenszufriedenheit gewahrt wird.

Mathilde Stenner

Spende von Infineon Technologies für Lebenshilfe

Timo Grassmann erhält für seinen achtjährigen Sohn durch den Familienunterstützenden Dienst (FUD) der Lebenshilfe München Unterstützung und Beratung und so nutzte er einen Award seines Arbeitgebers, die Infineon Technologies um den FUD eine Spende zukommen zu lassen.

Der Preis für den Award waren 1666 Euro, die er einem gemeinnützigen Verein seiner Wahl als Spende zukommen lassen konnte. Er entschied sich für die Lebenshilfe München, die sich seit über 55 Jahren für Menschen mit geistiger Behinderung in Stadt und Landkreis München einsetzt, sie fördert und betreut. Weitere Spenden wurden von der Infineon Technologies an ‚Ärzte ohne Grenzen‘ und an ‚SOS Kinderdorf‘ überreicht.   Weiterlesen

Ein selbstbestimmtes Leben führen

Menschen begleiten und fördern hin zu mehr Verantwortung

Christian Kerler ist Koordinator bei der Lebenshilfe München für den Bereich ‚Wohnen‘. Er freut sich über die geplante Modernisierung von drei alten Wohnhäusern des Elternvereins in München. „Es leben dort 40 Menschen mit geistiger Behinderung in stationärer Betreuung und das seit 30, 40 Jahren. Was damals ‚guter Standard‘ war, ist heute rückständig. Ich freue mich darum auf große helle Zimmer mit Dusche und WC, auf Barrierefreiheit und einer möglichen Betreuung rund um die Uhr. Wir können sie in einer Einrichtung mit 24 Plätzen anbieten. Das ist für die hier lebenden Menschen ein echter Gewinn.“  Weiterlesen

Kunst und Musik für Menschen mit geistiger Behinderung

Angebote der Lebenshilfe München in den Wohneinrichtungen
Nonverbal, ohne Worte, sich mit Musik und Kunst ausdrücken

(gsp) Sie sitzen in einer kleinen gemütlichen Runde zusammen und singen Adventslieder, Kinderlieder, einfache Stücke (Gstanzl) und Volkslieder. Die Stimmung könnte nicht besser sein in dem großen, gemütlich eingerichteten Raum. Mit kleinen Rhythmusinstrumenten wird das musikalische Tète-à-tète unterstützt, Musiktherapeut David Westphäling gibt die Melodie auf seiner Gitarre vor. Es sind fast alle Bewohner der Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München in der Packenreiterstraße zusammen. Niemand möchte das Singen und Musizieren mit David missen.

Kommunikation nonverbal für
Menschen mit geistiger Behinderung

Musiktherapie bei der Lebenshilfe München mit David Westphäling

Musiktherapie bei der Lebenshilfe München mit David Westphäling

Er ist seit September 14-tägig in der Wohneinrichtung und seit Juli in der Hofbauernstraße. Einen ersten Zugang zu Menschen mit Behinderung fand er während seines Zivildienstes und hat dann Sozialpädagogik und Musiktherapie studiert. Besonders schätzt er bei den Bewohnern der Lebenshilfe-Wohneinrichtung ihre Kreativität, Ehrlichkeit und ihren Humor. Jeder Mensch finde seinen ganz eigenen Zugang zur Musik, ob beim Trommeln, Singen, Zuhören oder über ein Instrument. David Westphäling will die Runde für seine Gruppe frei und offen halten. „Sie haben ihre eigene Entscheidungskompetenz, finden ihren eigenen Ausdruck der Kommunikation – nonverbal, ohne Worte, mit Musik.“

Es ist aber mehr als eine fröhliche Runde, denn es hilft Menschen mit geistiger Behinderung besonders, wenn sie auf diesem ‚leichten Weg‘ lernen, aus sich herauszugehen. Musik baut Stress ab, lässt einen selbst Gefühle wahrnehmen, die sonst eher verborgen bleiben. „Man lernt neue Seiten an sich kennen“, sagt der Volksmund.  Weiterlesen

Zeit, Kapital und Produkte für soziale Projekte

Salesforce unterstützt die Lebenshilfe München

Für einige Firmen ist es selbstverständlich, ihren wirtschaftlichen Erfolg auch mit sozialem Engagement zu verbinden. Salesforce, ansässig in San Francisco und mit deutschem Headquarter in München, pflegt diese Firmenkultur seit der Unternehmensgründung vor 16 Jahren und hat das sogenannte 1-1-1 Modell in der Gründungakte festgeschrieben: „Wir geben ein Prozent unseres Kapitals, ein Prozent unserer Produkte und ein Prozent unserer Zeit an gemeinnützige Organisationen weiter.“ Das bedeutet, dass jedem Salesforce-Mitarbeiter weltweit sechs Arbeitstage zur Freiwilligenarbeit zur Verfügung stehen; sei es, um bei örtlichen Tafeln Essen an Bedürftige und Obdachlose zu verteilen, Kindern Lesen oder Programmieren beizubringen, Schulen in Südostasien, Afrika oder Südamerika zu bauen, oder eben auch um Menschen mit geistiger Behinderung zu unterstützen, wie bei der Lebenshilfe München.    Weiterlesen