Interview zur aktuellen Situation der Lebenshilfe München

Interview zur aktuellen Situation der Lebenshilfe München
mit Geschäftsführer Peter Puhlmann

Der bayernweite Katastrophenfall ist aufgehoben und in München ist die Zahl der aktuell infizierten Menschen in vier Wochen von über 1000 auf unter 300 Personen gesunken. Die Lebenshilfe München musste in den letzten drei Monaten nicht einen einzigen Coronafall hinnehmen und hat von Anfang an sehr strenge Schutzmaßnahmen durchgeführt. Wie findet man nun wieder heraus aus der Krise und Isolation, zurück in eine Normalität? Die Redaktion hat sich mit Lebenshilfe-Geschäftsführer Peter Puhlmann unterhalten.

Redaktion: Der Lockdown hat uns alle in nahezu allen Lebensbereichen betroffen. Besonders trifft es bis heute Menschen mit geistiger Behinderung in betreuten Wohnformen. Sie haben seit Wochen keine Arbeit und damit keine gewohnte Tagesstruktur mehr. Das sind hohe psychische und mentale Belastungen. Hat da nicht so mancher Bewohner einen Wohn-Kollaps bekommen?

Peter Puhlmann (r.) im Gespräch mit MdB Florian Hahn (l.), der sich über die Situation in den Wohnheimen der Lebenshilfe München informiert.

Peter Puhlmann: Es ist nur zum Teil richtig. Ja, die Werkstätten haben für die Bewohner geschlossen und zwar für alle Bewohner unserer Wohneinrichtungen. Das macht es leichter, denn alle sind gleich betroffen. Gleichwohl existiert eine Tagesstruktur, die über die ‚Essenszeiten‘ hinausgeht. Unsere Mitarbeiter betreuen die Kleingruppen, gehen mit ihnen spazieren oder organisieren Spiele. Einige unserer Bewohner, Menschen mit geistiger Behinderung, haben sich auch gut in die Situation hinein gefunden. Für manche ist die Arbeit in den Werkstätten ja auch ein gewisser Druck, dem sie jetzt seit Wochen nicht mehr ausgesetzt sind. Sie empfinden die ‚freie Zeit‘ als angenehm. Dennoch ist es schwierig mit der Situation und den Einschränkungen umzugehen. Das Virus und damit die Bedrohung ist ja nicht sichtbar, sie wird bestenfalls abstrakt wahrgenommen.

Rene Pfeifer, Bereichsleiter des Wohnen, bestätigt die Einschätzung. „Menschen mit geistiger Behinderung in Wohneinrichtungen zählen immer noch zur Risikogruppe. Auch wenn ganz allgemein viele Corona-Maßnahmen wieder gelockert und aufgehoben werden, gilt für Risikogruppen bis jetzt ein besonderer Schutz. Zu den angebotenen Programmen etwa zählen noch Ergotherapie und Musik, wenn auch im eingeschränkten Umfang mit Beachtung der Hygieneregeln und des Abstandsgebotes. Wir sind bis heute mit den insgesamt 200 Bewohnern ohne einen einzigen Coronafall gut durch die Krise gekommen.

Redaktion: Gibt es auch positive Erfahrungen aus der Krise? Haben sich kleine Wohngruppen bzw. Wohnhäuser, wie sie die Lebenshilfe München betreibt, bewährt?

Peter Puhlmann: Unser Prinzip von kleinen Gruppen ist und war in der Coronazeit ein Vorteil. Glücklicherweise hatten wir keine einzige Infektion, und wenn doch, wäre es ein ‚Sektionsfall‘ gewesen, also nur eine kleine Gruppe betroffen und nicht gleich die ganze Einrichtung oder gar mehrere. In kleinen Gruppen ist es zudem leichter Entscheidungen, etwa über die Gestaltung der Freizeit, abzustimmen. Die Interessen der Einzelnen werden so mehr berücksichtigt.

Redaktion: Ein anderer großer Lebenshilfe-Bereich ist die OBA, die Offene Behinderten-Arbeit. Sie steht für die Begleitung bei Freizeitaktivitäten, bietet Treffen in Clubs und Kursen an, organisiert Veranstaltungen und für die Ferien eigene Programme. Hier gibt es aktuell ja einen Totalausfall, alles musste abgesagt werden. Wann ist hier wieder mit ersten Aktivitäten zu rechen und wie wird es organisiert?

Peter Puhlmann: Wir haben bereits zu den Pfingsferien wieder eine Ferienbetreuung angeboten. An den Wochenenden läuft die Betreuung von Kindern und Jugendlichen weiter, wenn auch in verringerter Zahl. Für den Sommer und Herbst arbeiten wir an abgespeckten Angeboten und mieten in Bayern und Österreich Ferienwohnungen an. Je mehr sich die Pandemie ausschleicht, desto umfassender können wir Angebote entwickeln. Das betrifft auch die Hilfe unserer vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter. Bislang decken die Hauptamtlichen die Betreuung ab. Damit wird auch das Risiko einer Ansteckung klein gehalten.

Harry Zipf, Bereichsleiter der Offenen Dienste: „Im Sommer bieten wir wieder eine Ferienbetreuung an und ergänzen mit Tagesangeboten. Auch jetzt schon ist gegen Sport im Freien, Radfahren und Wandern nichts einzuwenden. Wir achten immer auf die Bildung fester Gruppen. Vereinzelt nützen ältere Angehörige auch noch unseren Einkaufsservice und die Familienbetreuung durch den FuD hat eigentlich nie aufgehört. Bei allen Aktivitäten orientieren wir uns an die Infektionsschutzverordnung, aktuell ist es die sechste Fassung vom 19. Juni 2020.

Redaktion: Auch für die Eltern muss es eine schwere Zeit sein, die ja sonst zumindest zeitweise durch die Lebenshilfe München eine große Entlastung erfahren.

Peter Puhlmann: Ja, tatsächlich haben wir in diesen Wochen auch wieder einige ‚Rückkehrer‘ aufnehmen können. Einige Eltern hatten entschieden, ihre Kinder wegen des Coronavirus wieder zu sich nach Hause zu holen. Über die Wochen hinweg waren sie damit aber zum Teil überfordert. Man muss dabei wissen, dass sowohl ‚die Kinder‘ wie auch die Eltern bereits in einem fortgeschrittenem Alter sind. Insgesamt war und ist das Ansinnen der Eltern hoch, dass der Betrieb wieder im vollen Umfang weiterläuft.

Redaktion: Die Schulen bieten ja aktuell einen ‚Notbetrieb‘ an. Gilt das auch für die HPT (Heilpädagogische Tagesstätten)?

Peter Puhlmann: Wir haben in den HPT’s seit Pfingsten annähernd wieder einen Vollbetrieb. Die Bayerische Staatsregierung hat dazu aufgefordert, die Förderschulen wieder ganz zu öffnen. Dabei haben wir natürlich den Vorteil kleiner Gruppen von etwa sechs bis acht Kindern und Jugendlichen und ein größeres Raumkonzept, also mehr Platz zur Verfügung. Natürlich gelten strenge Hygiene-Maßnahmen und bei gesundheitlichen Einschränkung müssen die Kinder zuhause bleiben.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.

Integration und Inklusion vorgelebt

Immer mehr junge Menschen finden Gefallen am Ehrenamt.
Viele nutzen das Engagement für eine berufliche Orientierung.
Gina Wimmer wollte 2018 im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes (BFD)
bei der Lebenshilfe München Ideen sammeln, „was sie in ihrem Leben gerne
machen möchte.“
Dabei nahm der Wunsch nach einem Lehramt in der Sonderpädagogik immer mehr Kontur an.

Die Unsicherheit war schnell überwunden

Sie hat ihre Zeit bei der Lebenshilfe München nicht bereut. Anfangs war sie unsicher was auf sie zukommt, denn im persönlichen Umfeld kannte sie lediglich einen Cousin mit Trisomie 21. Schnell aber wichen die Unsicherheiten einem unbeschwerten Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung. „Sie machen sich nicht so viel Gedanken über ‚Kleinigkeiten‘, um politische und gesellschaftliche Zusammenhänge, leben sehr stark aus und in dem Moment,“ betont sie. Ebenso fühlte sich Gina Wimmer nie allein gelassen, der Begleitung durch Kollegen und Fachkräfte war sie sich immer sicher. Weiterlesen

„Das Ehrenamt ist eine anstrengende Entspannung“

Elisabeth Kluska (Bildmitte) engagiert sich 30 Jahre lang im Ehrenamt für die Lebenshilfe München. Links im Bild OBA-Leiter Harry Zipf.

 

2018 feierte die OBA (Offene Behindertenarbeit) der Lebenshilfe München ihr 40-jähriges Bestehen. Zum Angebot zählen auch sieben wöchentlich organisierte Freizeit-Clubs. Der ‚Dienstags-Club‘ ist einer von ihnen, der fast so alt wie die OBA selbst ist. Er widmet sich über all die Jahrzehnte hinweg wöchentlich Menschen mit geistiger Behinderung, unternimmt Ausflüge oder gestaltet Themenabende. Aktuell treffen sich sieben ehrenamtliche Betreuer und 15 Menschen mit Behinderung. Seit dreißig Jahren dabei ist Elisabeth Kluska, mit der sich die Redaktion unterhalten hat.

Redaktion: 30 Jahre im Ehrenamt für Menschen mit geistiger Behinderung bei der Lebenshilfe München ist eine lange Zeit. Was hat sich geändert?

Elisabeth Kluska: „Die jungen Menschen haben heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Sie wissen vermehrt was sie wollen oder nicht. Sie haben konkretere Vorstellungen von ihrem Leben und Zukunftsperspektiven. Früher war das mehr eine Einbahnstraße. Der Alltag war mit der Arbeit in den Lebenshilfe-Werkstätten geregelt. Entweder wohnten sie bei den Eltern oder in einem Wohnheim.“

Redaktion: Das ist eine positive Entwicklung. Wie kommt es dazu?

Elisabeth Kluska: „Es hat ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden, weg von der pädagogisch und von Fürsorge dominierten Sicht auf Behinderung hin zu einer partnerschaftlich geprägten Haltung und Mitbestimmung. Die Menschen mit Behinderungen sind damals viel später – oft erst im hohen Erwachsenenalter, als ihre Eltern die Versorgung nicht mehr geschafft haben oder selbst pflegebedürftig wurden bzw. gestorben sind – zu Hause ausgezogen und in ein Wohnheim gekommen. Das hat zu massiven Eingewöhnungs-Prozessen geführt, eine Ablösung vom Elternhaus, wie es für nicht behinderte Jugendliche und junge Erwachsene normal ist, gab es eher selten. Alternativen zum Wohnheim gab es ebenso wenig. Da hat sich die letzten Jahre viel hin zum Positiven bewegt. Die Erfolge davon sind heute zu sehen.“ Weiterlesen

Freizeit erleben, Neues lernen, Freunde treffen

Freizeit, Bildung, Begegnung – unter diesem Titel stand das Programmheft der OBA bisher. Die Prüfgruppe Leichte Sprache, eine Kooperation der OBA mit der Lebenshilfe Werkstatt, hatte Verbesserungsvorschläge, die sofort umgesetzt wurden. Deswegen heißt das Heft jetzt: Freizeit erleben, Neues lernen, Freunde treffen – mit vielen Terminen, Angebote und Programmen für die Freizeit.   Weiterlesen

40 Jahre OBA – Gott sei Dank

(gsp) Am 16. März feiert die Lebenshilfe München unter dem Motto „40 Jahre OBA – Gott sei Dank!“ einen Gottesdienst. Teilnehmer, Ehrenamtliche und Angehörige der OBA gestalten die Feier gemeinsam mit Pfarrer Schlosser und Pfarrer Wohlfahrt in der „Maria-Hilf-Kirche in der Au“, Mariahilfplatz 42 in München ab 19.00 Uhr. Anlässlich der Feierlichkeit haben wir einen Beitrag vom Sommer 2017eingestellt.

Aufbruch und Umbruch 

Die Jahre von 1975 bis 1980 waren Aufbruch- und Umbruchjahre bei der Lebenshilfe München. Das Ringen um die gesellschaftliche Anerkennung und die Förderung von Menschen mit Behinderung hatte 15 Jahre nach Gründung des Elternvereins viel angestoßen und bewirkt.

So entstanden in München erste Einrichtungen der Frühförderung und die Lebenshilfe-Werkstätten (ab 1975), die erste Wohnstätte wurde in der Hofbauernstraße eingeweiht (1978) und auch die Offene Behindertenarbeit ist seit 1977/78 fester Bestandteil der Arbeit für Menschen mit geistiger Behinderung.   Weiterlesen

Mit der OBA Münche auf Reise gehen

Das neue Reise-Programm der OBA

Es gibt ein neues Reiseprogramm der OBA München für 2018. Das Programmheft ist in einfacher Sprache gehalten und leicht verständlich. Zum ersten Mal gab es dazu in der Lebenshilfe-Geschäftsstelle einen gut besuchten Info-Abend.

Die OBA München unterstützt auch gerne bei individuellen Reisewünschen, wie z.B. bei der Hotelsuche , An- und Abreise und einer evtl. notwendigen Begleitung. Bei dem vorgestellten Reiseprogramm von Februar bis Oktober 2018 ist aber alles bestens organisiert. Die 15 Reiseziele sind zwischen Alpen und Nordsee und darüber hinaus im europäischen Ausland zwischen Spanien und Kroatioen gewählt.  Weiterlesen

Katja im Bundesfreiwilligendienst bei der Lebenshilfe München

Sich sozial zu engagieren ist für Katja V. etwas Selbstverständliches. Schon ab ihrem 13. Lebensjahr betreute sie Konfirmandengruppen der evangelischen Kirche in ihrer Heimatgemeinde. Jetzt, nach dem Abitur aber, sucht sie über ihr soziales Engagement hinaus nach beruflicher Orientierung. Seit Oktober ist sie bei der Lebenshilfe München und hat auch schon viele Erfahrungen gesammelt. „Die Kinder und Jugendlichen bei der Lebenshilfe München sind offener, irgendwie ehrlicher. Sie zeigen sehr unverstellt, was ihnen gefällt oder auch nicht. Sie nehmen einen aber auch in den Arm und sagen, dass es schön ist, dass du da bist. Das tut gut und bereitet Freude.“

Stark bleiben und Freundschaften schließen

Schwer hingegen sei es, so Katja, sich immer zu wiederholen, etwa bei einem Nein zu bleiben oder Regeln einzufordern. „Da können die ganz schön stur sein und man muss Stärke zeigen.“ Sie hilft im FuD (Familienunterstützender Dienst) bei der Betreuung von Kleingruppen, ist zusätzlich zweimal in der Woche bei einem Mädchen zuhause in ihrer Familie, hilft dort mit. „Wir beiden Mädels haben schon gute Freundschaft geschlossen. Es ist schön, helfen zu können und darüber hinaus auch Beziehungen aufzubauen.“   Weiterlesen

Reisen, Freizeit und Bildung mit der OBA

Das Programm der OBA Reisen der Lebenshilfe München

Das Programm der OBA Reisen der Lebenshilfe München

Mit einer Silvesterreise in den Schwarzwald beendet die OBA der Lebenshilfe München die Reisesaison 2016 und startete zugleich in das Jahr 2017. Als nächstes steht eine Faschingsreise an den Rhein an, Ostern geht es an den Gardasee, im Frühsommer gibt es Fahrten ins Salzkammergut und an die Loire. Im Sommer machen sich Gruppen der OBA in alle Himmelsrichtungen auf den Weg: von Dänemark bis Kroatien, von Reiterhof bis Ritterburg, da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Menschen mit und ohne Behinderung machen zusammen Urlaub – das ist das Konzept der OBA. Hilfe und Unterstützung werden angeboten, wo es notwendig ist.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der OBA helfen Reiselustigen, die lieber alleine oder in kleineren Gruppen in Urlaub fahren wollen auch bei der Planung und Organisation von individuellen Reisen. Nähere Informationen dazu finden sich im Reiseheft unter dem Stichwort „Rückenwind-Reisen“.   Weiterlesen

Sommerprogramm der OBA Lebenshilfe München

Für die OBA der Lebenshilfe München gibt es keine Sommerpause, auch in den Ferien nicht. Am Wochenende starten von der OBA (Offene Behindertenarbeit) aus die ersten Urlaubs-Reisen in den Norden, nach Österreich und in die bayerischen Alpen. Insgesamt stehen bis zum Herbst acht Urlaubsreisen auf dem Programm. Sie werden von jeweils einem Team aus Reiseleitern und Ehrenamtlichen begleitet.   Weiterlesen

Pädagogische Nachbarschaftshilfe

Die neue Rolle von Fachkräften im sozialen Bereich

Im Bewusstsein vieler Menschen stehen Pflege, Betreuung und Fürsorge gegenüber älteren Menschen und auch Menschen mit Behinderung ganz oben auf der Liste. Petra Loncar, von der Lebenshilfe München Wohnen GmbH, zeigt in ihrem jüngsten Beitrag im aktuellen L.I.E.S.-Journal eine ganz andere Sicht, vor allem wenn es um die Aufgaben von Pädagogen, Betreuern und Fachpersonal geht. Sie stützt sich dabei auf die UN-Behindertenrechtskonvention deren Leitmotiv die Inklusion ist.    Weiterlesen