Warum muss es so schwierig sein?

Ein Beitrag der L.I.E.S. -.Redaktion

Der Kampf mit der Bürokratie von Nadja Lindenbeck-Menzel ist noch nicht zu Ende. Lesen Sie hier die Fortsetzung der Geschichte:

Mein Sohn (mit Down-Syndrom) wurde im Mai 2020 volljährig. Ich habe Ihnen versprochen, Sie darüber auf dem Laufenden zu halten, wie es mit dem bürokratischen Kampf und seinem Anspruch auf Grundsicherung (§ 41 SGB XII) weitergeht. Wie Sie bereits wissen, wurde mir von der zuständigen Sachbearbeiterin Frau X mehrmals telefonisch die falsche Auskunft erteilt, mein Sohn habe keinen Anspruch auf Grundsicherung.

Dank der Angehörigenberatung der Lebenshilfe München erhielt ich jedoch korrekte Informationen und Rückenstärkung. Damit ausgestattet konnte ich durchsetzen, dass mein schriftlicher Antrag nicht telefonisch abgewimmelt, sondern mir ein Formular zugeschickt wurde. Das Formular traf also ein und mich traf fast der Schlag. Ein Anschreiben, zwei Formulare, insgesamt 12 Seiten. Das Anschreiben von Frau X war an mich persönlich gerichtet. Ich schrieb an die Angehörigenberatung:

Liebe Angehörigenberatung, ich habe die Unterlagen und brauche dabei Ihre Hilfe. Das ist gruseliger als ich dachte. Mir erschließt sich einiges nicht. Frau X hat mich direkt angeschrieben:

  • Muss ich jetzt meine persönlichen Kontoauszüge vorlegen?
  • Marcel hat kein Konto und kein Einkommen.
  • Ich besitze ein Auto und dort steht ich darf keins haben.
  • Die Unterlagen, die ich bis 8.6. (in drei Wochen) einreichen soll, erschließen sich mir auch nicht alle.
  • Personalausweis, da geht nur der abgelaufene, neuer ist diese Woche beantragt und dauert ca. fünf Wochen.
  • Nachweis Krankenversicherung – muss ich bei der Kasse beantragen.
  • Was ist ein Bescheid über allgemeines Wohngeld?
  • Was sind Personalien und Adressen der Unterhaltspflichtigen?
  • und auf der nächsten Seite steht, wenn die Unterlagen nicht bis 8.6. vorliegen, wird mir der Anspruch versagt.
  • Dann kommt Grundantrag 1 und dann Erstantrag auf Gewährung von Grundsicherung, da ist nur Grundsicherung angekreuzt und nicht der Mehrbedarf, obwohl Marcel ja die HPT besucht und auch Merkzeichen „G“ hat.

Hardcore: „Alleine schaffe ich das nicht“

Ich muss sagen, alleine schaffe ich das nicht und schon gar nicht in der Frist. Und bei der Belehrung was alles passiert, wenn man sich nicht daran hält, steht, ich muss jetzt alles melden … wenn jemand auszieht, wenn wir ins Krankenhaus gehen etc., das ist ja Hardcore, ich habe das Gefühl, ich stehe mit einem Bein schon fast im Gefängnis. Und Kindergeld muss ich auch angeben (wer es bezieht plus Kindergeldnummer). Ich denke, kein normaler Mensch kann das alleine schaffen.

Eine beruhigende Antwort der
Angehörigenberatung der Lebenshilfe München

Die Antwort kam schnell und war sehr beruhigend:
„Keine Sorge, liebe Frau Lindenbeck, Sie können sich entspannen. Die Formulare fragen auch Dinge ab, die für die Fallbearbeitung bei Ihrem Sohn nicht relevant sind. Das größere Problem ist aber Frau X, sie verwechselt schon im Anschreiben den Antragsteller mit Ihnen als rechtlicher Betreuerin, so dass Sie den Eindruck gewinnen mussten, dass Ihre Unterlagen verlangt werden. Es ist sehr traurig, aber Frau X scheint hohen Schulungsbedarf zu haben. Sie müsste klarstellen, dass es nur um Ihren Sohn als Antragsteller und um dessen Unterlagen geht. Ihre eigenen Unterlagen zu Konto, Einkommen, Vermögen, Auto etc. sind für die Anspruchsbearbeitung Ihres Sohnes nicht relevant, die sind also nicht einzureichen. Viele Fakten haben Sie auch schon angegeben, um Beispiel zum Kindergeld: das Kindergeld, das Ihnen für Ihren Sohn zusteht, leiten Sie nicht an ihn weiter. Ihr Sohn hat kein Kind und erhält daher kein Kindergeld. Es gibt daher keine Kindergeldnummer, die mitzuteilen wäre . . . Lassen Sie uns telefonieren, gerne nächsten Dienstag. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende – Viele Grüße von der Angehörigenberatung“

„Bitte in Papierform“

Nach dem Telefonat mit der sachkundigen Angehörigenberatung war es nicht schwer, die wirklich erforderlichen Unterlagen zusammenzustellen, ich schickte sie per Mail an die Behörde. Der nächste Hammer kam: Obwohl ich ständig per Mail angeschrieben wurde, verlangte Frau X die Unterlagen in Papierform! Ich habe mich also allgemein erkundigt und der Mitarbeiter der Stadt meinte, „… online ist in Ordnung, aber wenn der Sachbearbeiter es noch anders haben möchte, dann muss ich das tun.“

Ist das jetzt Schikane? Ich möchte echt nicht kleinlich sein, aber entweder gilt es online oder nicht. Es war sehr ärgerlich, aber darüber wollte ich dann keinen Streit anfangen, ich muss meine Kräfte schließlich einteilen und schickte alles mit der Post. Endlich, mit Datum 15.7.2020 erhielt ich den ersten Grundsicherungsbescheid in Höhe von 704,01 Euro. Eine schöne Summe, über die wir uns gefreut haben. War der Bescheid auch korrekt? Nicht überraschend: nein!

Mehrbedarf für die HPT einfordern

Also bat ich Frau X um Berücksichtigung der 35 Prozent Mehrbedarf für den Besuch der HPT, den sie vergessen hatte. Es kam zu folgendem Schriftwechsel: Frau X: „… Für den Besuch der HPT ist ein solcher Mehrbedarf nicht vorgesehen.“

Die Angehörigenberatung wusste es wieder besser als das Sozialbürgerhaus. Ich übernahm die korrekten Informationen und schrieb an Frau X: „Leider ist auch diese Auskunft zum Mehrbedarf wegen des Besuchs einer HPT, wie etliche andere Auskünfte von Ihnen, falsch. Wegen der Eingliederungshilfeleistung „Hilfe zur Schulbildung“ – dazu zählt der Besuch einer HPT – hat mein Sohn nach § 42 b Abs. 3 Satz 1 SGB XII i. V. mit § 112 SGB IX einen Anspruch auf Mehrbedarf in Höhe von 35 % der maßgebenden Regelbedarfsstufe für die Monate, in denen er die Eingliederungshilfe „HPT“ erhält. Für diese Monate entfällt dann allerdings der Mehrbedarf für das Merkzeichen „G“ in Höhe von 17 % – wir wollen schließlich nur das in Anspruch nehmen, was meinem Sohn zusteht.“

Bitte auch „Corona Sozialpaket I“

Die Entscheidung zum Mehrbedarf steht noch aus. In der gleichen Widerspruchs-Begründung verlangte ich aber auch noch die Gewährung der anteiligen Kosten der Unterkunft für die Monate Mai und Juni 2020. Laut „Corona Sozialpaket I“ müssten diese bei Antragstellung ab März 2020 gewährt werden. Inzwischen hatte Frau X jedoch am 7.8.2020 drei weitere Bescheide erlassen und kennt sich selber gar nicht mehr aus. Sie schrieb, dass ihr mein Widerspruch nicht verständlich ist. Ich erklärte ihr also alles noch einmal und bin nun zuversichtlich, irgendwann alle meinem Sohn zustehenden Beträge zu erhalten … .

Sohn in den Mietvertrag aufnehmen

Ein sehr guter Tipp der Angehörigenberatung war übrigens, meinen Sohn mit in den Mietvertrag aufnehmen zu lassen. Seit Juli 2020 erhält mein Sohn als Mitmieter die anteiligen Unterkunftskosten für Miete und Nebenkosten und nicht nur den Differenzbetrag. Marcel hat nun im September in einer WfbM das Eingangsverfahren für den Berufsbildungsbereich begonnen. Neben dem Ausbildungsgeld in Höhe von 119 Euro, das bei der Grundsicherung nicht angerechnet werden darf, erhält er 865,06 Euro Grundsicherung ab September 2020. Ich bin sehr dankbar, dass es Gesetze gibt, die eine solche Unterstützung möglich machen.

Mein persönliches Statement

Wie zu Beginn meines Berichtes: Ich bin nicht alleine auf dieser Welt mit einem Kind das „anders“ ist, ich bin nicht die erste Mutter, die so einen Antrag stellt. Mein Sohn hat Anspruch auf Beratung und Unterstützung und damit auch ich als seine rechtliche Betreuerin. Von Beratung und Unterstützung durch die Behörde waren wir weit entfernt, es lief eher gegenteilig. Frau X sagte mal zu mir, sie würde bei diesem Vorgang viel lernen, das heißt also, ich habe sie geschult! Erlebt habe ich eine Behörde bzw. eine Sachbearbeiterin, die:

  • unfreundlich war
  • wiederholt falsche Auskünfte gab
  • sich nicht in dem Sachgebiet auskennt, für das sie zuständig ist, so dass ich „Nachhilfe“ geben musste
  • ein Anschreiben schickte, mit dem von mir persönlich Unterlagen verlangt wurden, die die Behörde nichts angehen und die für den Fall nicht benötigt werden
  • Formulare verwendet, in denen Angaben und Unterlagen verlangt werden, die für die Antragsbearbeitung nicht erforderlich sind,
  • vorsintflutlich arbeitet (Mail-Unterlagen wurden nicht akzeptiert)

Erschreckend fand ich die Erfahrungen aus meinem Bekanntenkreis und vor allem auch die Erfahrungen der Angehörigenberatung, solche Falschauskünfte und Falschberechnungen bei Grundsicherungsanträgen kämen häufiger vor. Dabei wurde die Stadt München schon 2018 schriftlich auf diese Missstände aufmerksam gemacht. Ich werde also die Stadt München auch noch direkt anschreiben, damit andere Betroffene, die es vielleicht nicht schaffen, eine so tolle Unterstützung zu erhalten, es in Zukunft mit den Behörden leichter haben werden:

„Liebe Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter der Stadt München,

meinen zweiteiligen Bericht aus den L.I.E.S.-Heften 2-2020 und 3-2020 schicke ich Ihnen mit der Bitte, sich in solchen Fällen wie dem meines Sohnes deutlich mehr Mühe mit Ihren Mitbürgern mit Behinderung zu geben. Ich bin gespannt auf Ihre Reaktion. – Mit freundlichen Grüßen“

Für Marcel ist jetzt alles gut ausgegangen, mein herzlicher Dank dafür geht an die Angehörigenberatung der Lebenshilfe München. Die Aussage ist wahr geworden: „Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, muss der Antrag genehmigt werden. Bei Ihrem Sohn ist das der Fall.“

Nadja Lindenbeck-Menzel

Der Kampf um seine Rechte

Ein Beitrag der L.I.E.S.-REDAKTION

Langwierige Kämpfe mit Behörden sind leider allzu oft
Alltag für Familien, die Angehörige mit Behinderung haben

– Warum muss es so schwierig sein? –

Grundsicherung für meinen Sohn zum 18. Geburtstag

Mein Sohn (mit Down-Syndrom) wird 18 Jahre alt und ich habe eine lange Liste mit Dingen, die ich jetzt beachten muss. Den Betreuer-Ausweis habe ich bekommen, auf meiner Liste geht es weiter mit Grundsicherung. Ich selber arbeite in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und habe hin und wieder schon einzelne Puzzelstücke über die Rechte und Ansprüche mitbekommen, wenn das Kind 18 Jahre alt wird. Aber wirklich genaue Aussagen hat mir niemand geben können und natürlich habe ich auch selbst versucht, darüber im Internet zu recherchieren. Aber dann dachte ich mir, wer kann es besser wissen als die Mitarbeiter der zuständigen Behörde. Ich rief also beim zuständigen Sozialbürgerhaus an und erklärte die Sachlage.

Besteht ein Anspruch?

Die Dame meinte, einen Moment bitte, sie fragt kurz nach. Nach einigen Minuten kam sie zurück zum Telefon und meinte, mein Sohn hätte keinen Anspruch auf Grundsicherung. Ich blieb hartnäckig, sie erkundigte sich wieder und meinte dann, ja vielleicht habe er Anspruch im September, wenn er die Werkstatt besucht. Ich solle mich dann nochmal melden. Erst mal gab ich mich mit dieser Auskunft zufrieden. Einige Zeit später traf ich in der Arbeit die Mutter von einer Mitarbeiterin, die ich betreue, die auch meinte, sie blicke da nicht mehr durch, auf was ihre Tochter Anspruch hat und auf was nicht und sie hätte es mit der Antragstellung sein lassen. In einem weiteren Gespräch mit einer anderen Mutter erinnerte diese mich jedoch daran, mich mal bei der Lebenshilfe München zu erkundigen. Volltreffer!

Lebenshilfe-Angehörigenberatung hilft weiter

Eine ganz liebe Dame der Angehörigenberatung klärte mich umfänglich auf. Und sie unterstützte mich, wie ich bei der Antragsstellung auf Grundsicherung bei voller und dauerhafter Erwerbsminderung (§ 41 SGB XII) vorzugehen habe und welche Unterlagen notwendig sind. Eigentlich reicht es erst mal, der Behörde zur Volljährigkeit des Kindes mitzuteilen.

„Ich stelle einen Antrag auf Grundsicherung für mein Kind mit Schwerbehinderung nach § 41 SGB XII“. Damit kann die Frist für den Monat gewahrt werden, in dem der Antrag gestellt wird. Die übrigen Unterlagen können nachgereicht werden. Ich hatte aber noch Zeit, bevor mein Sohn 18 wurde und konnte die Unterlagen sammeln. Als erstes rief ich die Schule an, die mein Sohn noch bis Ende Juli 2020 besucht und bat um eine Bescheinigung, dass mein Sohn nach Ende der Schulzeit in eine Werkstatt geht. „Kein Problem“, hieß es. Dann kam aber die Nachricht, die Schule mache so was nicht, sondern nur die Agentur für Arbeit als Träger der Maßnahme im Berufsbildungsbereich (BBB). Ich solle mich gedulden, die Schule wird versuchen zu vermitteln.

Habe ich endlich alles richtig gemacht?

Eines Tages kam dann eine E-Mail von einem Herrn der Agentur für Arbeit, in der er mich um einen Telefontermin bat, da er nicht verstehe worum es geht. Das Telefonat kam zustande und wieder erklärte ich den Sachverhalt. Mein Sohn wird im Mai 18 Jahre alt, ich stelle einen Grundsicherungsantrag und für diesen benötige ich diese Bescheinigung der Schule. Der Herr wurde ungehalten und beharrte darauf, nicht zu verstehen worum es mir geht. Er meinte, mein Sohn bekomme ab September „Ausbildungsgeld von der Agentur für Arbeit“, wenn er in die Werkstatt geht, das war`s. Ich wiederholte mich nochmal, und er erwiderte: Wenn ich nicht genügend Geld für mein Kind hätte, dann solle ich doch einen Antrag auf Sozialhilfe stellen. Nun wurde ich patziger und sagte, das seien hier Wortspiele und ich wisse genau, dass mein Sohn einen Anspruch habe ….bla bla bla … .

Plötzlich sagte er: „Okay, dann schicken sie mir das sonderpädagogische Gutachten der Schule zu und wir schauen weiter.“ Telefonat Ende. Das bei der Schule angeforderte Gutachten habe ich bis heute nicht. Die liebe Dame der Angehörigenberatung der Lebenshilfe München stärkte mir den Rücken. Alles habe seine Richtigkeit mit dem Anspruch auf Grundsicherung, die Agentur für Arbeit und die Schule seien schlicht falsch informiert. Sie schlug mir wieder vor, was zu tun sei. Also schrieb ich der Schule und fragte nochmals nach, ob es möglich wäre, für meinen Antrag eine ganz normale Schulbescheinigung zu bekommen, in der auch steht, dass Marcel nach der Schulzeit in die Werkstatt übertreten soll. Auch wenn der Schule angeblich nicht klar war, was ich meine, klappte es schließlich doch.

Als ich dann alle notwendigen Unterlagen zusammen hatte, auch das Anschreiben für das Sozialbürgerhaus (mit richtigen Paragraphen und Formulierungen unterstützt durch meine Beraterin der Lebenshilfe München), verschickte ich dieses. Heute kam ein Anruf von derselben Dame vom Sozialbürgerhaus, die ich oben schon erwähnt habe. Sie meinte, sie hätte mir doch schon erklärt, dass mein Sohn keinen Anspruch habe und warum ich das jetzt mache, ihr ein Antragsschreiben zu schicken. Ich unterbrach sie und sagte: „Ja okay, dann schicken Sie mir einfach einen begründeten Ablehnungsbescheid zu.“

„Es wird aber sehr lange dauern …“

„Nein, das genügt jetzt auch so am Telefon!“ sagte sie. Ich blieb beharrlich und wiederholte meine Forderung. Da riet auch sie mir, dass ich Sozialhilfe beantragen könnte, falls ich nicht genügend Geld hätte. Sehr bestimmt forderte ich wiederholt, mir den Ablehnungsbescheid schriftlich zukommen zu lassen, da ich diesen für mein weiteres Vorgehen brauche. Schließlich wurde sie stutzig und fragte: „Wieso?“ Ich erklärte ihr, dass ich in vollem Umfang über die Rechte meines Sohnes durch die Angehörigenberatung der Lebenshilfe München aufgeklärt worden sei. „Ja, aber dann muss das ja geprüft werden über die Rentenversicherung!“ Ich sagte: “Ich weiß, so steht es auch in meinem Anschreiben.“ „Ja, aber das dauert“ meinte sie, „da muss erstmal ein Gutachten erstellt werden.“ Ich sagte ihr: „Ein ganz aktuelles medizinisches Gutachten aus dem gerichtlichen Verfahren für den Betreuerausweis liegt dem Antrag bei.“

„Ach so, dann schau ich mal.“ Sie selbst meinte dann sogar, so genau habe sie sich den Antrag jetzt nicht angeschaut. „Und sowas dauert sehr, sehr lange“, warnte sie. Ich fragte, was sie mir damit sagen möchte. Keine Antwort. Sie sagte dann aber zu mir, ich wäre heute sehr aggressiv am Telefon. Ich erwiderte: „Ich bin nicht aggressiv, ich vertrete jetzt nur ganz klar die Rechte meines Sohnes, lasse mich nicht abwimmeln und möchte jetzt das passende Formular zugeschickt bekommen.“

Die Reaktion der Sachbearbeiterin bei meinem ersten Telefonat und heute fand ich absolut unprofessionell. Deswegen bin ich voller Wut und Power gleich an den Rechner und habe mal schnell alles niedergeschrieben. Mein persönliches Statement:

Ausbildungsgeld? Grundsicherung? Sozialhilfe?

Ich bin nicht alleine auf dieser Welt mit einem Kind das „anders“ ist, ich bin nicht die erste Mutter, die so einen Antrag stellt. Es gibt Gesetze für Menschen mit Behinderung: SGB IX, SGB XII, Bundesteilhabegesetz, usw., das sind Instrumente genau gemacht für Menschen wie meinen Sohn oder auch wie Ihr Kind und wie alle Menschen, die dem Gesetz nach als Mensch mit Behinderung gelten. Diese sollten doch auch angewandt und transparent vermittelt werden durch jede systemrelevante Institution. Aber die zuständige Behörde kennt sich hier überhaupt nicht aus.

Meine Beraterin der Lebenshilfe München meinte, solche Falschauskünfte kämen häufiger vor. Wie kann es sein, dass die Angehörigenberatung der Lebenshilfe München sich auskennt und die zuständige Behörde nicht? Was mir am Allermeisten auf meinem bisherigen Weg, den Antrag auf Grundsicherung für meinen Sohn zu stellen, missfiel, ist der Mangel an einem höflichen und wertschätzenden Umgang mit mir. Ganz grundlegende Werte, wie Respekt, Augenhöhe fehlten. Ich bin froh, dass es diese Gesetze gibt, aber was nützen sie, wenn diese nicht verantwortungsbewusst angewandt werden? Manch einer wird seine Kraft auf diesem Weg verlieren und aufgeben, einfach um diese Art der Erniedrigung zu beenden. Ich fürchte, der Mutter, von der ich bereits am Anfang berichtete, ist es genau so gegangen. Es ist spannend, wie es mit meinem Antrag weitergeht. Meine Beraterin ist völlig gelassen und sicher: „Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, muss der Antrag genehmigt werden. Bei Ihrem Sohn ist das der Fall.“

Eine Lehrerin von meinem Sohn sagte mal zu mir in einem etwas heftigeren Gespräch, es sei ja bekannt, dass Mütter von Kindern mit Behinderung sehr aggressiv sind. Ich antwortete nur, dass ich damit ganz gut leben könne. Sie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.

Nadja Lindenbeck-Menzel

P.S.:

Wie es weitergeht mit dem Anspruch meines Sohnes auf Grundsicherung?
Ich halte Sie auf dem Laufenden, die Fortsetzung lesen Sie hier:
https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2020/12/27/warum-muss-es-so-schwierig-sein/

Angehörigenberatung, Schnelltest und Weiterbildung

Aus dem Newsletter der Lebenshilfe München

Aus der Angehörigenberatung

– Beratungsgespräche jetzt auch per Videochat möglich
– Die Angehörigenberatung erweitert ihr kontaktloses Angebot

Aufgrund des aktuellen Infektionsgeschehens bietet die Angehörigenberatung jetzt auch Beratungstermine im Videoformat an. „Wir möchten damit neben Telefon und Mail eine weitere kontaktfreie Möglichkeit zur Klärung von Fragen und zum Austausch eröffnen.“ – so Beate Bettenhausen von der Angehörigenberatung. Auch persönliche Gespräche im Beratungsbüro können weiterhin vereinbart werden und finden unter Beachtung der Infektionsschutzregeln in einem sicheren Rahmen statt.

Wir bitten um Verständnis, dass Beratungen zu rechtlichen Fragestellungen und individuellen Leistungsansprüchen auch zukünftig nur telefonisch beziehungsweise nach Terminvereinbarung persönlich möglich sind.

Die Angehörigenberatung ist immer Dienstags von 9 bis 16 Uhr für Sie erreichbar oder per Mail unter beratung@lebenshilfe-muenchen.de. Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme und auf digitale und persönliche Begegnungen.

Erhöhte Pauschale gilt nun bis Ende Dezember

– Zwanzig Euro mehr für „zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel“

Ab dem Pflegegrad 1 erhalten pflegebedürftige Menschen eine Pauschale für so genannte „zum Verbrauch bestimmte Pflegehilfsmittel“. Dazu gehören z. B. Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel und Mundschutz. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die Pauschale im April 2020 von 40 Euro auf 60 Euro erhöht. Die ursprünglich bis Ende September befristete Erhöhung wurde bis Ende 2020 verlängert. Die gesetzliche Grundlage hierfür ist die COVID-19-Versorgungsstrukturen-Schutzverordnung.

Corona-Schnelltest für Lebenshilfe Einrichtungen

– Die Lebenshilfe München arbeitet auf Hochtouren an der neuen Testkonzeption

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe hatte sich bei Gesundheitsminister Jens Spahn vehement dafür eingesetzt, dass auch Menschen mit Behinderung zur Prävention Schnelltests auf Corona kostenfrei erhalten. Dies spielt eine sehr große Rolle im Miteinander in den Lebenshilfe Einrichtungen, den Werkstätten, Wohnheimen und Wohngemeinschaften. Zusammen mit dem Ambulanten Pflegedienst erarbeitet die Lebenshilfe München momentan eine Testkonzeption, damit die Schnelltest möglichst bald einsetzbar sind. „Wir versuchen uns in den nächsten zwei Wochen gut aufzustellen, um für den Jahreswechsel gerüstet zu sein. Dies ist eine große Chance auf der einen Seite einen besseren Infektionsschutz für alle Beteiligten zu gewährleisten und auf der anderen Seite die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft, Teilhabe am Arbeitsleben, Besuche und überhaupt die sozialen Begegnungen aufrechtzuerhalten.“ – sagt René Pfeifer, Bereichsleiter Wohnen.

Bildungsinstitut der Lebenshilfe Bundesvereinigung

– Digitales Projekt: „Selbstvertretung – Na klar!“

Am 15. Dezember 2020 findet von 16 bis 18 Uhr eine Video-Konferenz für „SelbstvertreterInnen und die, die es werden wollen“ statt. Die Veranstaltung ist Teil des Projektes: „Selbstvertretung – Na klar!“, welches nun digital fortgesetzt wird. Die Themen der Veranstaltung sind:

Was ist Selbstvertretung? – Was ist Politik? – Was ist ein Verein? – Was ist gute Unterstützung?

3. Dezember Welttag der Menschen mit Behinderung

Das diesjährige Motto lautet „Ein besseres Zurück:
hin zu einer behindertengerechten, zugänglichen und nachhaltigen Post-COVID-19-Welt

Seit 1993 ist der 3. Dezember Welttag der Menschen mit Behinderung. Der von den Vereinten Nationen ausgerufene Gedenk- und Aktionstag wird gewöhnlich von zahlreichen Veranstaltungen gesäumt und soll das Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderungen stärken. Dieses Jahr wird der Tag vor allem online begangen, wodurch die Teilhabe klar beschränkt wird. Mehr Barrierefreiheit im Internet ist ein Thema, das gerade jetzt, aber auch in Zukunft, Willen, Fantasie und Taten braucht. Daher widmet sich der aktuelle Newsletter interessanten Angeboten in den Medien.

Corona Informationsseite der Bundesvereinigung

– Leichte Sprache und Gebärdensprache

Themen ‚Rund um Corona‘ gibt es in Leichter Sprache und Gebärdensprache auf der Webseite der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.. Es gibt umfassende Informationen zum Virus und dem Umgang damit, zum Beispiel: wichtige Rufnummern, FAQs für Dienste und Einrichtungen, Links, Verhaltenstipps und Neuigkeiten zur Pandemie. Die Seite enthält Informationen für Fachpersonal, Angehörige und für Menschen mit und ohne Behinderung.

Hier kommen Sie zur Rubrik Corona in Leichter Sprache.
Dort sind beispielsweise auch Links zu verwandten Seiten, wo dann wiederum in Leichter Sprache erklärt wird, wie etwa Zoom auf dem Handy funktioniert.

Hier kommen Sie zum Gebärdentelefon.

Hier kommen Sie zu Corona-Informationen in Gebärdensprache – auf der Seite des Kompetenzzentrums Selbstbestimmt Leben.

Bewegte Anfangsjahre der Lebenshilfe vor 60 Jahren

Unter dem Titel „60 Jahre: Meilensteine der Lebenshilfe München“ veröffentlichte das aktuelle L.I.E.S.-Heft der Lebenshilfe München einen Abriss zur Geschichte des Elternvereins. Wir berichten in Auszügen. Vieles was heute als Selbstverständlich erscheint, wurde damals mühsam erkämpft.

1960: Am 12. Juli des Jahres wird von Mathilde Eller, zusammen mit elf Eltern von Menschen mit Behinderung, die Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind e.V.“ gegründet. Heute heißt der Verein „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. Stadt und Landkreis München“, hat rund 1000 Mitglieder und ist damit einer der größten Elternvereinigungen Deutschlands.

1968: Die erste Heilpädagogische Tagesstätte in der Dietlindenstraße wird eröffnet. Vier Jahre später ziehen die MitarbeiterInnen mit den Kindern in angemietete Räumlichkeiten in der Neuherbergstraße.

Archivfoto 2014: Die Ehrenvorsitzende Gerlinde Engelmann im Gespräch mit Geschäftsführer Peter Puhlmann.

Die Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe München, Gerlinde Engelmann (84) erinnerte sich noch an jene Zeit: „„Schon 1963 bei der Einschulung meiner Tochter (mit Behinderung) merkte ich schnell, dass es für sie kaum schulische Möglichkeiten gab. In ganz München hatten wir nur eine einzige Sonderschule, zumindest im Süden der Stadt.“ Die hatte aber mit Volker Körner einen engagierten Sonderschulrektor am HPCA (Hasenbergl), der noch bis heute im Kuratorium der Lebenshilfe München aktiv ist und von 1974 bis 1983 auch Vorsitzender des Elternvereins war. Seine Vor-Vorgängerin, Mathilde Eller, unterrichtete sogar während des Krieges heimlich und privat Kinder mit Behinderung. Sie war auch Mitbegründerin der ersten Schule in Bayern für Menschen mit geistiger Behinderung an der Klenzestraße. Die Schule trägt bis heute ihren Namen.

1972: Gemeinsam mit der Stuttgarter Stiftung für Bildung und Behindertenförderung GmbH wird die Werkstatt in der Scharnitzstraße gegründet. Inzwischen warbeiten insgesamt 600 Mitarbeiter mit Behinderung in der Werkstatt. Außerdem wird die Elternberatung als separate Anlaufstelle mit einem eigenen Büro eingerichtet. Zuvor waren Beratungsgespräche nebenbei geleistet worden. Vor einigen Jahren wurde aus der ‚Elternberatung‘ die ‚Angehörigenberatung‘ und die Zahl der Beratungen zu unterschiedlichen Anliegen und Fragen beläuft sich inzwischen auf knapp 800 pro Jahr.

Gerlinde Engelmann erinnert sich. Sie gründete 1972 mit zwei Müttern die Elternberatung und war bis 2001 Vorstand des Elternvereins. „Wir eröffneten 1971 in der Auenstraße eine erste Heilpädagogische Werkstatt, was 1972 zur Gründung der Lebenshilfe-Werkstatt GmbH in der Scharnitzstraße führte. Die damalige Vorsitzende, Silvia Görres, hatte einen großen Anteil daran und setzte sich trotz vieler Widerstände durch. In Würdigung ihrer Arbeit trägt die Einrichtung der Lebenshilfe München an der Neuherbergstraße ihren Namen. In der Elternberatung arbeitet man an der Basis, ist und wird mit den Problemen hautnah konfrontiert. Und damals wie heute brauchen Eltern (leider) meist einen Rechtsbeistand für die vielen Anträge, Vorschriften und Programme. Ein komplexer Bereich, mit dem selbst manch öffentlich Bedienstete ihre liebe Not haben.“

1976: Die mobile Frühförderung beginnt mit ihrem Einsatz für Kinder von der Geburt bis zum Schuleintritt. Heute gibt es vier Frühförderstellen an verschiedenen Standpunkten in der Stadt und im Landkreis München.

1977: Die Offene Behinderten Arbeit (OBA) nimmt ihren Dienst auf. Über 300 TeilnehmerInnen nehmen auf ganz unterschiedliche Weise an den vielfältigen Angeboten der Freizeitgestaltung und Bildung für Kinder, Jugendliche und erwachsene Menschen mit Behinderung teil und rund 100 ehrenamtliche MitarbeiterInnen begleiten sie dabei.

Das L.I.E.S.-Heft erscheint erstmals. Mehrmals hat es seither sein Äußeres verändert. Dabei ist es umfangreicher und bunter geworden. Seit 2017 kommt die Mitgliedszeitschrift dreimal im Jahr heraus und wird auch in Ingolstadt und Landsberg am Lech mit einem jeweils anderen Lokalteil von Lebenshilfe-Mitgliedern gelesen.

Die kleine Chronik der Lebenshilfe München lesen Sie im aktuellen L.I.E.S.-Heft der Lebenshilfe München unter dem Titel „60 Jahre: Meilensteine der Lebenshilfe München“. Das gesamte Interview mit Gerlinde Engelmann finden Sie im Blog unter:

https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2014/04/13/der-lange-weg-zum-erfolg-in-der-behindertenarbeit/