Zweite inklusive Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München

„Hier wird Inklusion gelebt“

Der gute Erfolg der im Herbst 2018 gegründeten ersten inklusiven Lebenshilfe-Wohngemeinschaft (WG) in der Herrmann-von-Sicherer Straße in München, machte Mut für eine zweite WG. Dazu renovierte der Elternverein die bislang als betreute Wohngruppe geführte Einrichtung in der Packenreiterstraße. Seit November leben dort sechs Menschen mit Behinderung und vier Studenten zusammen. Die Redaktion hat sich mit der Einrichtungsleiterin Natascha Münzer unterhalten. Sind inklusive Wohngemeinschaften jetzt ein Trend, was sind die Hintergründe und wie gestaltet sich das Zusammenleben?

Ein selbst bestimmtes Leben ermöglichen

Die neue inklusive Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München in der Packenreiterstraße.

Die studierte Sonderpädagogin definiert als eine der vordringlichen Ziele in der Förderung von Menschen mit Behinderung, ihnen ein möglichst selbst bestimmtes Leben zu ermöglichen. „Mit einer inklusiven WG kommen wir diesem Ziel sehr nahe. Ein gewisser Betreuungsbedarf bleibt, im Vordergrund steht jedoch ein Miteinander auf Augenhöhe. Viele Mitbewohner mit Assistenzbedarf sind bereits in ihrer Autonomie fortgeschritten, werden aber weiterhin in diesem Bereich gefördert je nach Bedarf.“ So ist in der WG die Hälfte der Bewohner aus einer Lebenshilfe-Wohngruppe, in der auf die Selbständigkeit vorbereitet wird. Ein Prozess der mitunter bis zu zwei Jahre in Anspruch nimmt.

Studenten sind Freunde und Unterstützer

„Es geht aber um mehr“, erklärt Natascha Münzer. „Hier wird echte Inklusion im Miteinander von Studenten und unseren Klienten gelebt. Und das ist ein erklärtes gesellschaftspolitisches Ziel, das auch in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist.“ Die Studenten sind Mitbewohner und Ansprechpartner, nicht aber Betreuer im klassischen Sinne. Sie fungieren vielmehr als Unterstützer. Das WG-Leben orientiert sich an dem Miteinander von nicht betreuten WGs. Für die fachliche Betreuung sind eigene Betreuungskräfte täglich von 16 bis 21 Uhr und ganztags am Wochenende vor Ort.

Die Dienste sind gut geregelt

Natascha Münzer stellt die einzige Fachkraft, ihr Team wird noch von zwei externen dualen Studenten der sozialen Arbeit verstärkt. Die dort lebenden Studenten haben Präsenzzeiten; im Wechsel jeweils einen Nachmittag unter der Woche, ein Wochenende im Monat sowie die dazugehörige Nachtbereitschaft, falls kleine Hilfestellungen nötig sind. Auch morgens sind sie zuständig, etwa beim gemeinsamen Gestalten des Frühstücks, bis die Bewohner dann das Haus verlassen und ihrer beruflichen Tätigkeit, meist in den Lebenshilfe-Werkstätten, nachgehen. Das Miteinander wird gestaltet durch die Mitbewohner mit Unterstützungsbedarf, der Präsenz der Studenten und die fachliche Begleitung der Betreuer.

Corona hat manches auf den Kopf gestellt

„In den Beschränkungen durch Corona wurde der Zeitplan etwas auf den Kopf gestellt, wir haben uns intern anders organisieren müssen. Mit Abschluss der Impfungen sollte aber im März wieder mehr Normalität in den Alltag einkehren“, hofft Natascha Münzer. Für alle waren die ersten Monate von der Eingewöhnung an die neue Umgebung und die neuen Lebensumstände geprägt. Ein Bewohner habe immer noch gelegentlich mit Heimweh zu kämpfen, „es ist für ihn das erste Mal ganz von Zuhause weg zu sein“, erzählt sie.

Gemeinsam etwas unternehmen

Wie auch in der Hermann-von-Sicherer-Straße funktioniert das Miteinander in der Packenreiterstraße gut. „Die Studenten fühlen sich wohl, sind sehr engagiert, herzlich und verantwortungsbewusst“, bescheinigt die Sonderpädagogin. Für die Studenten ist es ein Glück in guter Lage und mit S-Bahn-Anbindung in München eine Wohnung zu finden. Sie zahlen keine Miete, lediglich für das Essen – wie alle anderen auch – 130 Euro in die Haushaltskasse. „Wenn die Studenten nicht gerade in einer akuten Lernphase sind, unternehmen sie auch außerhalb ihrer festen Präsenzzeiten etwas zusammen mit ihren Mitbewohnern oder verbringen Zeit in den Gemeinschaftsräumen“, freut sich die Einrichtungsleiterin der inklusiven Lebenshilfe Wohngemeinschaft.

Vom Sonderschullehramt zur Lebenshilfe

Eigentlich wollte Natascha Münzer für das Sonderschullehramt studieren. Ihr Weg führte sie dann aber zur Lebenshilfe München. „Im Studium haben wir das Verhalten von Menschen sehr vertieft und viel über die emotionale Entwicklung gelernt. Unter dem Strich steht ein wertschätzendes und annehmendes Wertebild, wie ich es auch von zuhause her kenne. Das motiviert mich in der Arbeit bis heute und es ist schön, es jeden Tag erleben zu dürfen.“

Fachgespräche von Vertrauen getragen

Es ist ihre erste Station als Einrichtungsleiterin. Umso wichtiger ist es für sie, dass ihr vom ‚Ambulant Betreuten Wohnen‘ mit Daniela Holzmann eine erfahrende Fachkraft zur Seite steht und ebenso mit René Pfeifer, der Lebenshilfe-Bereichsleiter Wohnen. „Wir pflegen ein sehr gutes Arbeitsverhältnis, arbeiten im Team zusammen und unsere Fachgespräche sind von Vertrauen geprägt“, freut sich Natascha Münzer.

2 Kommentare zu “Zweite inklusive Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München

  1. Pingback: Die Zukunft des Wohnens für Erwachsene | Lebenshilfe München

  2. Pingback: Wohnen: Trotz Pandemie alle Ziele erreicht | Lebenshilfe München

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.