Vorbereiten für ein Leben in Eigenverantwortung

In vielen Bereichen war und ist die Lebenshilfe Impulsgeber für Politik und Gesellschaft. Das gilt vor allem für den Bereich ‚Wohnen‘, wie die neue Einrichtung am Willinger Weg (Ramersdorf) oder die offen-gemischte Wohngemeinschaft in der Hermann-von-Sicherer Straße (München-Sendling), die vor zwei Jahren öffnete. Doch bereits vor 40 Jahren ging man unkonventionelle Wege, die der Zeit weit voraus waren, wie etwa die Wohneinrichtung am Kiem-Pauli-Weg zeigt.

Im großen Gemeinschaftsraum finden alle Bewohner Platz. In Zeiten von Corona hat sich das geändert.

In einem großen Wohnblock kaufte der Elternverein Lebenshilfe München e.V. mehrere Ein- und Zweizimmerwohnungen, um Menschen mit geistiger Behinderung ein weitgehend selbständiges Leben zu ermöglichen. In die größte Wohnung wurde ein Büro integriert, mit Gemeinschaftsraum, Waschmaschine, Trockner und Küche als zentrale Anlaufstelle. Zentrumsnah, gut erschlossen durch den MVV und die wichtigsten Einrichtungen und Geschäfte fußläufig zu erreichen. Bis heute nimmt die Berliner Straße unter den zehn Wohneinrichtungen der Lebenshilfe München eine Sonderstellung ein. Gezielt werden die Bewohner für ein selbständiges Leben geschult, so dass dann im Anschluss, soweit möglich, nur noch eine ambulante Betreuung für das Wichtigste und Notwendigste vorgesehen ist. Seit einem Jahr leitet die Heilerziehungspflegerin Lisa Hasenberger die Einrichtung. Wir haben sie in München besucht.

Den Alltag einüben

Zunächst erzählt sie aus dem Alltag, wie das Leben normalerweise am Kiem-Pauli-Weg, und auch in der Berliner Straße, läuft. 20 Menschen mit leichter geistiger Behinderung leben in den beiden Einrichtungen. „Menschen, die hier einziehen, sind eigentlich recht fit. Für sie ist es ein Super-Schritt von einer Stationären Betreuung hin zu einem selbstständig geführtem Leben zu kommen.“ Da wird dann schon mal gemeinsam gelernt, einfache Gerichte selbst zubereitet. Auch das Waschen der eigenen Wäsche und die Reinheit und Ordnung in der eigenen Wohnung zu halten, wird trainiert, ebenso das selbständige Einkaufen. „Es gibt bei uns aber ganz bewusst Zeiten ohne feste Betreuung, damit sie lernen, auch in für sie kniffligen Situationen allein zurecht zu kommen. Freilich lassen wir sie dabei nicht ganz alleine, denn die Rufbereitschaft funktioniert immer.“

Gezielt die Defizite beheben

Und ein Handy hat jeder Bewohner und weiß damit auch umzugehen. Es ist ein wichtiger Teil des Lebens geworden. Wie es sich für eine Wohngruppe gehört, gibt es auch Dienstpläne, für die jeder mal eingeteilt ist. „In wöchentlichen Besprechungen vertiefen wir regulär das Erlebte immer wieder, um gezielt Defizite auszugleichen. Wir trainieren auch für große und kleine Notfälle wie etwa was zu tut ist, wenn ein Feuer ausbricht. Manchmal braucht es auch psychische Hilfe und natürlich sind wir da Ansprechpartner. Mehr in die Praxis geht es bei regelmäßigen Arztbesuchen, die zwar in der Regel allein durchgeführt werden, wir helfen aber gelegentlich bei der Einhaltung der Termine.“

Wenigstens einmal am Tag will man jeden der Bewohner sehen oder sprechen, und sei es nur am Telefon. „Das gibt uns und den Bewohnern Sicherheit. Natürlich berücksichtigen wir die Privatspähre, wenn jemand mal ’seine Ruhe haben will‘. Dann genügt ein einfaches ‚Hallo‘ am Telefon.“ Im großen Gemeinschaftsraum wird gelegentlich auch gemeinsam gegessen, vor allem am Wochenende und in Ferienzeiten, wenn die Arbeit auch in den Lebenshilfe-Werkstätten ruht. „Das war zumindest bisher so der Fall“, schränkt Lisa Hasenberger ein. Doch Corona hat auch für die Bewohner der Berliner Straße und am Kiem-Pauli-Weg viel verändert.

Foto: Lisa Hasenberger leitet mit Maske, Laptop und Ablage die Gruppe. Fotos: Gerd Spranger

Corona ändert alles

„Gemeinsames Essen im Gemeinschaftsraum beschränken wir auf Kleingruppen, wo wir zuvor in einer Runde von bis zu zwölf Leuten zusammen gesessen sind. Menschen mit Behinderung, besonders innerhalb einer Wohngruppe, zählen zu Risikogruppe,“ erklärt die Einrichtungsleiterin. Schwer wogen auch die Kontaktverbote. „Selbst Eltern und Betreuern war ein direkter persönlicher Kontakt innerhalb der Wohngruppe über Wochen hinweg nicht möglich. Das war und ist auch für die Bewohner schwer. Sie verstehen ganz allgemein manche Beschränkungen nicht und je länger die Einschränkungen dauern, je tiefer sitzt der Frust.“ Umgestellt wurde etwa auch der wöchentliche Einkauf für die Gruppe über mehrere Wochen, den die Bewohner sonst selbst erledigten. Das übernahmen eine lange Zeit ehrenamtliche Helfer und waren damit im Wortsinne wirklich eine große Hilfe. „Über den Gruppen-Einkauf hinaus hat ja jeder der Bewohner auch noch persönliche Wünsche. Die Liste also ist lang“, erzählt Lisa Hasenberger.

Wenn die Struktur verloren geht

Ein wichtiger Teil des pädagogischen Konzeptes der Lebenshilfe München sind feste Abläufe, Rituale und Regeln, nach denen das Leben, der Alltag funktioniert. Der Umgang mit Änderungen fällt schwer. Besonders hart traf darum auch die Schließung der Lebenshilfe-Werkstätten über viele Wochen hinweg. „Es fehlte die Struktur, die Beschäftigung ging verloren, der Austausch in und mit der Gruppe und den Betreuern, kurzum, das ganze Leben war auf den Kopf gestellt. Ein menschlicher und pädagogischer Supergau, dem wir uns zu stellen hatten, und wir arbeiteten so gut es ging dagegen an“, erinnert sich Lisa an jene schweren Monate und hofft, dass es kein zweites Mal gibt.

Es ist viel zu organisieren

Es galt jetzt für das Team aus neun Mitarbeitern die Betreuungszeiten von täglich 11 bis 17 Uhr und von 15 bis 21 Uhr auszuweiten und eine Struktur für den langen Alltag zu schaffen, zumindest zeitweise. Unterstützt wurden sie dabei von einer weiteren Kraft und einem ‚Bufdi‘ (aus dem Bundesfreiwilligendienst). „Wir konnten ja auch nicht mit der Gruppe insgesamt arbeiten, wir mussten und müssen immer die Corona-Abstände beachten und natürlich ebenso alle anderen AHA-Regeln. So gab es für uns viel zu besprechen, abzustimmen und zu organisieren.“ Dazu zählen auch der regelmäßige Austausch mit Eltern und Betreuern und ein erhöhter Gesprächsbedarf mit den Bewohnern der Lebenshilfe-Wohneinrichtung in München.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.