„Das Ehrenamt ist eine anstrengende Entspannung“

Elisabeth Kluska (Bildmitte) engagiert sich 30 Jahre lang im Ehrenamt für die Lebenshilfe München. Links im Bild OBA-Leiter Harry Zipf.

 

2018 feierte die OBA (Offene Behindertenarbeit) der Lebenshilfe München ihr 40-jähriges Bestehen. Zum Angebot zählen auch sieben wöchentlich organisierte Freizeit-Clubs. Der ‚Dienstags-Club‘ ist einer von ihnen, der fast so alt wie die OBA selbst ist. Er widmet sich über all die Jahrzehnte hinweg wöchentlich Menschen mit geistiger Behinderung, unternimmt Ausflüge oder gestaltet Themenabende. Aktuell treffen sich sieben ehrenamtliche Betreuer und 15 Menschen mit Behinderung. Seit dreißig Jahren dabei ist Elisabeth Kluska, mit der sich die Redaktion unterhalten hat.

Redaktion: 30 Jahre im Ehrenamt für Menschen mit geistiger Behinderung bei der Lebenshilfe München ist eine lange Zeit. Was hat sich geändert?

Elisabeth Kluska: „Die jungen Menschen haben heute ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Sie wissen vermehrt was sie wollen oder nicht. Sie haben konkretere Vorstellungen von ihrem Leben und Zukunftsperspektiven. Früher war das mehr eine Einbahnstraße. Der Alltag war mit der Arbeit in den Lebenshilfe-Werkstätten geregelt. Entweder wohnten sie bei den Eltern oder in einem Wohnheim.“

Redaktion: Das ist eine positive Entwicklung. Wie kommt es dazu?

Elisabeth Kluska: „Es hat ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden, weg von der pädagogisch und von Fürsorge dominierten Sicht auf Behinderung hin zu einer partnerschaftlich geprägten Haltung und Mitbestimmung. Die Menschen mit Behinderungen sind damals viel später – oft erst im hohen Erwachsenenalter, als ihre Eltern die Versorgung nicht mehr geschafft haben oder selbst pflegebedürftig wurden bzw. gestorben sind – zu Hause ausgezogen und in ein Wohnheim gekommen. Das hat zu massiven Eingewöhnungs-Prozessen geführt, eine Ablösung vom Elternhaus, wie es für nicht behinderte Jugendliche und junge Erwachsene normal ist, gab es eher selten. Alternativen zum Wohnheim gab es ebenso wenig. Da hat sich die letzten Jahre viel hin zum Positiven bewegt. Die Erfolge davon sind heute zu sehen.“

Redaktion: Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Elisabeth Kluska: „Denken Sie an die Frühförderung oder die Begleitung in den Kindergrippen und Schulen. Moderne Wohnformen wie offene Wohngemeinschaften und selbständiges Wohnen in der eigenen Wohnung mit Unterstützung von ambulanten Diensten sind heute möglich und werden immer selbstverständlicher. Menschen mit geistiger Behinderung werden viel mehr in die alltäglichen Dinge eingebunden und der Umgang mit ihnen ist selbstverständlich, auf Augenhöhe. Wie alle anderen jungen Menschen denken sie heute viel mehr an ein selbständig geführtes Leben, ganz einfach, weil es die Möglichkeiten dazu heute gibt. Das ist gelebte Inklusion, wie wir sie auch in unserem ‚Dienstags-Club‘ pflegen.“

Redaktion: Wie meinen Sie das?

Elisabeth Kluska: „Wir unternehmen regelmäßig Ausflüge in die Stadt. Zuvor informieren wir uns über Angebote und Öffnungszeiten und dann geht es halt in Museen oder zu kulturellen Events. Aber auch Kegeln, Minigolf oder der Besuch eines Biergartens sind sehr beliebt. Wir sind ‚mitten drin‘, bewegen uns mitten in der Gesellschaft und das ist gut so. Fast immer machen wir dabei positive Erfahrungen, die Menschen sind im Allgemeinen heute offener und gehen gut mit Situationen um, auf die sie vielleicht nicht vorbereitet sind. Das gilt für beide Seiten.“

Redaktion: Das hört sich gut an. Was machen Sie wenn die Gruppe nichts unternimmt?

Elisabeth Kluska: „Wir nutzen die OBA-Räume der Lebenshilfe München, kochen gemeinsam was, spielen BINGO, basteln oder unterhalten uns einfach. Für die Meisten ist es wichtig über ihr Erlebtes, über ihre positiven wie negativen Erlebnisse zu sprechen. Manchmal hilft es auch Ängste abzubauen.“

Redaktion: Über die Jahre hinweg haben sich ja enge und gute Beziehungen aufgebaut, da ist dann wohl auch das Vertrauen zueinander vorhanden.

Elisabeth Kluska: „Ja, klar. Wir sind wie ein Stammtisch und es ist eine feste Gruppe. Fast alle sind schon 10 Jahre und länger dabei.“

Redaktion: Sie unternehmen auch Reisen miteinander?

Elisabeth Kluska:Die Reisen sind extra organisiert und werden jährlich zusammengestellt. Die ‚Reisesaison‘ dauert das ganze Jahr. Selbst organisiere oder begleite ich jährlich auch ein, zwei Reisen über die OBA. Die Nachfrage ist eigentlich immer höher wie das Angebot, so dass die Reisen innerhalb weniger Wochen ausgebucht sind.“

Die OBA der Lebenshilfe München begleitet ganzjährig Reisen für Menschen mit Behinderung. Die Nachfrage ist groß und das Angebot schnell ausgebucht.

Redaktion: Reisen, etwas erleben oder Urlaubstage an schönen Orten verbringen, das lieben wir alle. Sicher auch für Menschen mit geistiger Behinderung ein besonderes Erlebnis.

Elisabeth Kluska: „Ja natürlich. Die OBA-Reisen werden immer von engagierten ehrenamtlichen Begleitern zusammen mit den behinderten Teilnehmern gestaltet. Dazu braucht es zwar eine gute Vorbereitung, vor allem im Hinblick auf barrierefreie Angebote mit entsprechendem Umfeld, inhaltlich läuft so eine Reise im Idealfall aber sehr partnerschaftlich ab. So kommen alle auf ihre Kosten. Unsere ‚Reisegäste‘ sind überschwänglich, freuen sich sehr darauf. Unterwegs sind wir meist im europäischen Raum, selbst Flugreisen sind heute möglich.“

Redaktion: Das engagierte Ehrenamt begleitet Sie nun schon drei Jahrzehnte lang. Denkt man nicht ans Aufhören, wird es nicht zuviel?

Elisabeth Kluska: Sie denkt einen Moment nach, sucht nach den richtigen Worten, lacht und antwortet:. „Es ist eine anstrengende Entspannung. Etwas, das mich wegbringt vom Arbeitsprozess und Alltag, mir eine ganz andere Lebenstür öffnet. Wir kennen uns so viele Jahre. Beziehungen und Freundschaften haben sich entwickelt. Ich möchte sie nicht missen. Ich bin dabei auch nicht nur die Gebende, ich werde ebenso beschenkt. Eingefahrene Denkmuster werden durch den für uns teilweise unkonventionellen Blick der Teilnehmer relativiert. Es wird wenig gejammert, sie vergleichen sich nicht, sind einfach erfrischend authentisch. Das alles sind Dinge, Lebenswerte, die sie mit keinem Geld der Welt aufwiegen können.“

Redaktion: Ein Wunsch zum Schluss.

Elisabeth Kluska: „Ich wünsche mir, dass der Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung weiter an Normalität gewinnt. Dass Menschen damit selbstverständlicher umgehen. An Südtirol erinnere ich mich gerne. Es ist die Herzlichkeit, die der Zwischenmenschlichkeit die Qualität gibt.“

Interview: Gerd Spranger

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