Eine inklusive Lebenshilfe-WG in Obersendling

Die inklusive Lebenshilfe-Wohngemeinschaft ist erst wenige Wochen alt, man versteht sich aber bereits bestens. Bereichsleiter René Pfeifer (stehend), Einrichtungsleiterin Cindy Kirsch (r.) und Studentin Anna (l.) im Dialog mit ihren Mitbewohnern. – Foto: Gerd Spranger

(gsp) Das Interesse an der neuen inklusiven Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München in der Nähe vom Südpark in Obersendling ist groß, auch die damit verbundenen Erwartungen. Wie funktioniert es, wenn Studenten und Menschen mit geistiger Behinderung unter einem Dach leben? – in diesem Fall ein komplett renoviertes alleinstehendes Wohnhaus mit Garten, das von der Lebenshilfe München schon seit 35 Jahren genutzt wird. Selbst bei einer ganz normalen Wohngemeinschaft herrscht zeitweise Klärungsbedarf. 

Die Lebenshilfe München fördert auf vielen Ebenen

Hier leben nun vier Studenten und sechs Menschen mit geistiger Behinderung zusammen. Allerdings sind sie alle in der Werkstatt berufstätig und weitgehend selbständig. Die Wohngemeinschaft wird zudem von einer ausgebildeten Pädagogin als WG-Leiterin unterstützt sowie vom Ambulanten Pflegedienst der Lebenshilfe München und ist organisatorisch bei der Lebenshilfe Wohnen GmbH angesiedelt. Es wirken also selbst innerhalb der Strukturen der Lebenshilfe München verschiedene Leistungen und Dienste zusammen.

Die Selbstbestimmung ein hohes Gut

Bereichsleiter René Pfeifer erklärt: „Das neue Bundesteilhabegesetz fordert und fördert vermehrt die Selbständigkeit und damit das Selbstbestimmungsrecht von Menschen mit Behinderung. Parallel dazu sollen Betroffene einzelne Leistungen, ähnlich eines Baukastens, in Anspruch nehmen können. Das ist ein fundamentaler Wandel, denn gängige Praxis war bis vor wenigen Jahren noch, dass Menschen mit geistiger Behinderung einer Wohneinrichtung angegliedert und so ganz automatisch im vollen Umfang ‚versorgt‘ waren. Dieses Modell besteht noch heute und wird bei bestimmten Hilfebedarfen auch weiterhin notwendig sein. Das neue Konzept aber, wie wir es in der Wohngemeinschaft umsetzen, öffnet darüber hinaus Möglichkeiten und Perspektiven.“

Einen Dienst- und Putzplan muss jede Wohngemeinschaft haben

Im Wochenplan sind die Aufgaben klar verteilt

In der Praxis funktioniert die Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München in der Hermann von Sicherer Straße bereits bestens. Wir haben uns mit der WG-Leitung Cindy Kirsch und einigen Bewohnern getroffen und uns vor Ort überzeugt. Von außen wirkt das alte Wohngebäude unverändert, im Inneren aber ist alles neu verputzt, gestrichen, gefliest und renoviert. Das Haus macht einen hellen, offenen und freundlichen Eindruck, man fühlt sich gleich wohl. Die große Küche ist einem noch größeren Aufenthaltsraum direkt angegliedert und am großen Tisch mit zehn Stühlen haben alle Platz. In der Küche hängt ein großer, fein-säuberlich geschriebener Aufgabenplan und im Gang der Wochenputzplan. Unverzichtbare ‚Werkzeuge‘ einer jeden Wohngemeinschaft, auch bei der Lebenshilfe München.

Kommunikation findet rund um die Küche statt

Die Studentin Anna hat eine ruhige, ausgeglichene Art. Cindy ist eine Frohnatur und mit ihrem Optimismus leicht ansteckend. Da fühlen sich die Bewohner sichtlich wohl, die jetzt um 16.30 langsam eintreffen, sich nach einem langen Arbeitstag aber noch gerne mit an den Tisch setzen. „Das ist schon jetzt ganz klar unser Kommunikationsmittelpunkt“, erzählt Cindy. Im Keller soll aber ein weiterer gemütlicher Raum zur gemeinsamen Begegnung geschaffen werden. Das könnte ein erstes größeres gemeinsames WG-Projekt sein. Auch zeugen erste Accessoires von einer persönlichen Note und verstrahlen Gemütlichkeit. „Über dem großen Tisch fehlt noch ein großes Bild, wir wissen aber nicht welches Motiv“, erzählt Cindy.

Bei der Frühschicht helfen alle WG-Bewohner mit

Der Tag in der WG ist ganz normal und gleicht dem Alltag von herkömmlichen WG´s. Von 6 bis 8 Uhr ist Frühschicht, da ist eine Fachkraft vom Ambulanten Dienst vor Ort und einer der Studenten sorgt sich um den Küchendienst. Aufstehen, waschen, anziehen, frühstücken, das Bett machen – das muss alles schnell gehen, denn um 7.45 Uhr verlässt der Letzte das Haus. Am Wochenende ist Zeit für Freizeit und Hobbys. Einer der Studenten verbringt das Wochenende in der WG. So ist Zeit für gemeinsame Aktivitäten und Erlebnisse, aber auch die WG-Dienste müssen erledigt werden.

Ein gutes Feedback von den Eltern

Zeit für Gespräche in gemütlicher Runde in der inklusiven WG der Lebenshilfe München

Anna war mit einigen der Jungs bereits gemeinsam einkaufen und auch sonst helfen alle WG-Bewohner, auch die mit Handicap, gerne mit, freuen sich, wenn sie eine Aufgabe zu bewältigen haben. Und davon gibt es immer welche, ob in der Küche oder beim Tisch ein- oder abdecken. Auch im großen Garten sind von Zeit zu Zeit einige Arbeiten zu erledigen. Über diese positive Stimmung freuen sich auch die Eltern, die ihre großen Kinder hier gut aufgehoben wissen. Am Wochenende fahren einige Bewohner nach Hause zu Besuch. „Die jungen Erwachsenen sind voll positiver Erwartung, wenn es wieder zurück in die Wohngemeinschaft geht“, erzählt Einrichtungsleiterin Cindy Kirsch. „Einer von ihnen hat sogar auf ein sonst gern besuchtes Familientreffen verzichtet, wollte lieber hier bei uns sein. Ein anderer, eher introvertierter Mensch, taut auch langsam auf, öffnet sich“, freut sich Cindy.

Neue Lebenshilfe-Wohngemeinschaft in Freiham

Die gute Annahme der inklusiven Wohngemeinschaft kommt nicht von ungefähr. Bereits seit 2016 betreibt und betreut die Lebenshilfe München erfolgreich eine ambulant betreute Wohngruppe in der Landsberger Straße. Ein weiteres Projekt steht jetzt in Freiham in Aussicht. Hier entsteht ein neues Münchner Vorzeigeprojekt, ein inklusiver Stadtteil. Sabine Steger, vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung erklärt dazu: Freiham soll nach inklusiven Gesichtspunkten weiterentwickelt werden. Grundlage sind städtebauliche und freiraumplanerische Konzeptionen.“ Der Behindertenbeauftragte und Stadtrat von München, Oswald Utz ergänzt: „Grundlage ist eine Studie in der erstmals alle Lebensbereiche eines Stadtteils nach Kriterien untersucht wurden. Ein Teil davon ist das gemeinsame und gleichberechtigte Leben von Menschen mit und ohne Behinderungen. Sie zeigt darum Indikatoren auf, die ein inklusives Gemeinwesen braucht.“ Beteiligt war und ist auch der Behindertenbeirat der Stadt München.

Lesen Sie auch unsere Reportage von der Wohngemeinschaft in der Landsberger Straße vom Januar 2016:
https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2016/01/22/noch-wenige-plaetze-in-neuer-wohngemeinschaft-der-lebenshilfe-muenchen/

 

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