Die Basis für Arbeit schaffen und erhalten

Aus unserer Reihe "über den Zaun geschaut"

(gsp) Nach 34 Jahren ist es auch für die Pidinger Werkstätten der Lebenshilfe an der Zeit für Renovierung. Eine bauliche Erweiterung erfuhr die Einrichtung in den letzten Jahrzehnten mehrfach. Diesmal aber geht es um mehr Qualität und Sicherheit, um neue Vorschriften und auch um den Brandschutz, erläutert Geschäftsführer Markus Spiegelsberger. Insgesamt werden dafür knapp 4 Millionen Euro investiert, die Arbeiten sollen bis zum Sommer 2019 abgeschlossen sein.

Geschäftsführer Markus Spiegelsberger

Mit rund 260 Beschäftigten ist ein Zenit erreicht, denn die geburtenstarken Jahrgänge scheiden langsam aus dem Berufsleben aus. Bei Menschen mit Behinderung beginnt der Renteneintritt oft ein paar Jahre früher, denn die Leistungsfähigkeit lässt nach. „Das ist übrigens eine Entwicklung, die insbesondere seit einigen Jahren deutlich wird, denn der demographische Wandel ist bei den Lebenshilfe-Einrichtungen besonders groß“, erläutert Spiegelsberger.  

Er war bis 2011 bereits Verwaltungsleiter der Einrichtung und leitete dann sechs Jahre als Prokurist die Finanzen der Kliniken Südostbayern AG, nur wenige Jahre nach dem Zusammenschluss der Kreiskliniken von Traunstein und dem Berchtesgadener Land. Seit Sommer 2017 ist er nun Geschäftsführer der Pidinger Werkstätten und kennt den Betrieb so über Jahrzehnte hinweg.

Platz für die Schongruppe in der Pidinger Werkstatt

Einige Änderungen sind ihm besonders deutlich, eben jener Wandel in der Altersstruktur. So wurde etwa eine eigene „Schongruppe“ eingerichtet, um Möglichkeiten für Rückzug und Ruhe zu geben. „Darin unterscheiden sich die Pidinger Werkstätten von ‚einem normalen Arbeitsplatz‘. Indem wir auf die besonderen Bedürfnisse eingehen, geben wir den Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe am Arbeitsleben. Wenn Phasen der Ruhe dabei helfen, sorgen wir natürlich auch dafür. Nach der Modernisierung und dem Ausbau haben wir für unsere Schongruppe mehr Platz zur Verfügung“, freut sich der Geschäftsführer.

Arbeit bei den Unternehmen in der Region

Aber auch andere Dinge haben sich in Piding geändert, wie etwa die Aussenarbeitsgruppen. Was vor wenigen Jahren als Pilotprojekt – nachdem die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen wurden – begann, ist heute zu einem festen Angebot der Pidinger Werkstätten geworden. Unter dem Stichwort ‚Ausgelagerte Arbeitsplätze‚ (Infothek) findet sich auf der Homepage ein ausführlicher Hinweis dazu. Dipl. Sozialbetriebswirt Florian Huber erklärt: „Wir fördern die Menschen nach ihren Möglichkeiten und viele sind durchaus in der Lage, auch außerhalb der Werkstätten, in ‚fremden Unternehmen‘ zu arbeiten. Das kann im Rahmen einer pädagogisch begleiteten Gruppe geschehen, in sehr kleinen Teams, ohne Begleitung oder in einer ganz eigenständigen Tätigkeit. Häufig ist diese Arbeit auf einen Tag in der Woche begrenzt und wir achten sehr darauf, dass niemand überfordert wird, betreuen engmaschig. Der Erfolg aber gibt uns auf diesem Weg recht und er wertet nicht nur die Leistung, sondern die ganze Person, den ganzen Menschen mit geistiger Behinderung auf.“ Geschäftsführer Markus Spiegelsberger ergänzt: „Das ist der richtige Weg hin zu einer gelebten Inklusion. Ein Weg vieler kleiner Schritte und hier ist eindeutig der Weg das Ziel.“

Platz für die Schongruppe in der Pidinger Werkstatt

Das Thema kann man gut an der UN-Behindertenrechtskonvention mit dem Recht auf Arbeit und Selbstbestimmung festmachen (seit 2009 in Deutschland rechtsgültig). Dabei ist Inklusion als langjähriger Prozess angelegt und die Aufgabe von allen gesellschaftlichen Akteuren in allen Lebensbereichen. Der Weg dorthin ist aber nicht immer einfach, wie Markus Spiegelsberger weiß.

Inklusion als langen Prozess verstehen

„Wir hatten auch schon den Fall von Überforderung. Die Person war hier in der Werkstatt ein echter Leistungsträger, hat sich wohl gefühlt, und gute Arbeit erbracht. Im Außeneinsatz aber fühlte sie sich schnell zurückgesetzt, sie arbeitete jetzt ja mit Menschen ohne Behinderung zusammen, und war diesem Druck nicht gewachsen. Es ist dann unsere Aufgabe, dies frühzeitig zu erkennen und hier unterstützend tätig zu werden.“

Für die Region und für alle Branchen

Der Großteil der 263 Beschäftigten ist innerhalb der Pidinger Werkstätten tätig. Hier werden heute, im Gegensatz zu früheren Jahren, kaum Produkte für den eigenen Vertrieb und Verkauf erzeugt, sondern im Auftrag für Unternehmen des ‚Freien Marktes‘. Dazu zählen namhafte Mittelstandsbetriebe aus der Region aus allen Branchen. Sie nutzen gerne das Angebot der Pidinger Werkstätten der Lebenshilfe. Die Palette reicht von Holzspielzeug, Metallarbeiten über Verpackungen, Versand bis hin zur Wäscherei.

Text & Foto: Gerd Spranger

Ein Kommentar zu “Die Basis für Arbeit schaffen und erhalten

  1. Als Mutter eines Sohnes, der gerade im Eingangsverfahren einer Werkstatt der Lebenshilfe ist und für den durchaus zeitweise ein Außenarbeitsplatz spannend wäre, finde die beschriebene Arbeit der Pidinger Werkstätte der Lebenshilfe vorbildlich!

    Bei Menschen mit geistiger Behinderung muss es aus den im Beitrag beschriebenen Gründen immer begleitende Sicherheit und Schutz sowie ggfs Schonraum von guten Fachkräften aus der Geistig-Behinderten-Arbeitspädagogik, die die Besonderheiten der unterschiedlichen Behinderungen kennen und berücksichtigen, geben.

    Darum sind Außenarbeitsplätze der Werkstätten auch spannende Möglichkeiten der Teilhabe! Während es ein Roulettespiel wäre, Menschen mit geistiger Behinderung ins kalte Wasser des 1. Arbeitsmarkt ohne Werkstattsrückhalt zu werfen! Auch diese Gefahr der Überforderung kann nur die Werkstatt angemessen beantworten.

    Danke für den Beitrag!

    Mit

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