Menschen mit geistiger Behinderung leben Selbstständig

Disziplin im Führen eines Haushaltsbuches
Den Umgang mit Geld lernen

Ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen ist das Ziel vieler Menschen mit geistiger Behinderung. Für viele aber ist es eine hohe Herausforderung, an die sie bei der Lebenshilfe München schrittweise herangeführt werden. In der ersten Phase hat der Elternverein zwei von elf Wohneinrichtungen zu Trainingsgruppen für ein selbständiges Leben geformt. Die Bewohner verfügen über ihr eigenes abgeschlossenes Appartement oder Zimmer, versorgen ihren Haushalt selbst, kümmern sich um die Wäsche, um Frühstück, Abendessen und sollen jetzt auch verstärkt den Einkauf dafür übernehmen. Ganz allein gelassen aber sind sie nicht, denn am Wochenende wird gemeinsam gekocht und auch zu Abend gegessen. Unter der Woche sind sie berufstätig und für ein gutes Essen ist in den Kantinen der Lebenshilfe-Werkstätten bestens gesorgt.

Mit einem Seminar vermittelt die Lebenshilfe München mehr Kompetenz für eine selbstständiges Leben. Foto: Gerd Spranger

Ein eigenes Seminar hat jetzt mit einfachen Anleitungen das Führen eines eigenen Haushaltsbuches für den persönlichen Einkauf vertieft. Erich Wolf, vom Pädagogischen Fachdienst der Lebenshilfe München Wohnen GmbH, vermittelte den 20 Bewohnern der Trainings-Wohngruppen die Grundlagen. Es war das erste Seminar in dieser Richtung und Erich Wolf ist sich sicher, dass noch weitere folgen werden. „Wir müssen noch einfacher gestalten und in kleinen Gruppen auch weiter vertiefen, damit es in der Lebenspraxis funktioniert“, ist das Resümee von Erich Wolf.

Wohntraining: Lebenswirklichkeit ist der Alltag

„Das Wohntraining ist auf einen Zeitraum von fünf Jahren vorgesehen. Dabei orientieren wir uns auch an Vorgaben des Bezirks Oberbayern“, erklärt René Pfeifer, Bereichsleiter der Wohnen GmbH. „In der Lebenswirklichkeit, im Alltag, kommt es auf die ganz normalen alltäglich Dinge an, wie seine persönlichen Dinge und die Wohnung in Ordnung zu halten und natürlich sind auch die Finanzen, das Geld, ein elementar wichtiger Bereich. Die Nachfrage nach dem Wohntraining ist hoch und wir werden den Bereich weiter ausbauen“, informiert Pfeifer.

Zu Beginn des Seminars verteilen Erich Wolf und Petra Loncar, stellvertretende Leiterin des Wohntrainings, einen Ordner und einen Taschenrechner, der sofort mit Begeisterung angenommen wird. Die Teilnehmer sind alle mit Eifer und einer hohen Erwartungshaltung bei der Sache. Schnell kommt die Frage auf, ob man den Rechner behalten dürfe und genau wird untersucht, ob er nun mit Solar oder mit Batterie oder möglicherweise auch mit Solar und mit Batterie funktioniert. Nachdem das geklärt ist, geht es an die Ordner, die mit Einlegeblätter und Vordrucken bereits gut strukturiert sind.

Die Ausgaben strukturieren

Die Ausgaben sind in vier Warengruppen gegliedert: LM (Lebensmittel), EG (Essengehen), PLM (Pflegemittel), PM (Putzmittel). Wo man was und wie am Günstigsten einkauft, ist in den Wohneinrichtungen bereits trainiert worden. „Wir haben gemeinsam Testeinkäufe unternommen und im Anschluss die Preise verglichen. Unsere Bewohner wissen also, bei welchen Discounter sie in ihrer Nähe gut und preisbewusst einkaufen“, erzählt Petra Loncar.

Erich Wolf startet am Flipchart auch gleich mit dem ersten Einkauf für 13 Euro. Als wöchentliches Budget rechnete er mit 25 Euro. „Wie viel also verbleiben noch für den Rest der Woche und zu welcher Warengruppe ordne ich zu“, fragt er in die Runde. Und gleich kommen die neuen Taschenrechner zum Einsatz. Natürlich muss dabei auch noch geklärt werden, für was denn all die anderen Tasten gedacht sind. Wolf rät sich auf das Wichtigste zu beschränken und nach einer kleinen Weile ist das Ergebnis einstimmig. 12 Euro verbleiben im eigenen Budget.

Gehen wir Pizza oder zum Italiener?

Weitere Übungen vertiefen das Wissen und die Praxis im Führen eines eigenen Haushaltsbuches. War es anfangs vor allem Petra Loncar, die in persönlichen Erklärungen bei Anfangsschwierigkeiten half, entwickelte sich zwischen den Seminarteilnehmern ein gutes Miteinander, man half sich gegenseitig. Die Zeit verging schnell und alle waren bis zum Schluss ganz bei der Sache. Was etwa, wenn am Wochenende noch was in der Kasse bleibt? „Dann haben wir nächste Woche etwas mehr Budget zur Verfügung, wir könnten dann mal essen gehen“, schlägt Erich Wolf vor. Mit einem ‚großen Hallo‘ wird es aufgenommen und prompt kamen einige Vorschläge wohin man denn gehen könnte. „In die Pizzaria“ meint Peter, „zum Italiener“ mischt sich Ute ein, „wir gehen immer in ein Lokal“, weiß Gabi.

Gute Stimmung und Mitarbeit beim Seminar der Lebenshilfe München zum Wohntraining. Foto: Gerd Spranger

Das neue Haushaltsbuch startet zum 15. April und wird dann wöchentlich besprochen und vertieft. Es ist eine gemeinsame Ergebnisprüfung mit dem Bezugsmitarbeiter. „Das ist sicher notwendig“, erklärt Petra Loncar, „denn es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die Lektion wirklich sitzt.“ Im Nachgespräch etwa wurde deutlich, dass beim Einkaufen das Wechselgeld nicht nachgezählt wird. „Da müssen wir nachhaken, evtl. werden wir auch das üben, mit verschiedenen Münzen und Geldscheinen“, bekräftigt Erich Wolf.

In der nächsten Reportage lesen Sie
mehr zum Wohntraining der Lebenshilfe München. Einleitend heißt es dazu:
„Beim Wohnen geht es nicht so sehr um die technischen Fähigkeiten, sondern um die Motivation, das Zutrauen zu den eigenen Fähigkeiten. Es geht auch darum, mutiger zu werden, sich etwas trauen. Hier bietet die Lebenshilfe München, ein entsprechendes, in sich differenziertes und lebendiges Wohnangebot für erwachsene Menschen mit geistiger Behinderung.“

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