Neues Wohnen bei der Lebenshilfe München

Viel Platz zum Kochen, Leben und Wohnen in der neuen Lebenshilfe-Einrichtung in Unterschleißheim. Text und Fotos: Gerd Spranger

So ein Wohnungswechsel hat es in sich. Bis alles verpackt und wieder seinen Platz findet, darüber können Wochen vergehen. Mancher hat vom letzten Umzug immer noch einen Karton im Keller stehen. Wenn aber gleich eine ganze Wohngruppe, wie jüngst bei der Lebenshilfe München, mit 10 Bewohnern umzieht, dann ist Organisationstalent gefragt. Darüber hinaus braucht es Zeit zum Einleben, um sich an das neue Umfeld zu gewöhnen. Fünf Wochen ist es jetzt her, dass die Wohngruppe vom Willinger Weg (Ramersdorf) in den Norden von München gezogen ist. Die Redaktion hat sich mit der Sozialpädagogin und Einrichtungsleiterin Birgit Fleischmann unterhalten und sie in Unterschleißheim besucht.

Eine Etage für die Lebenshilfe

Die Gruppe bewohnt einen eigenen Gebäudeteil eines großen Senioren-Wohnheimes (Haus am Valentinspark). Bei meinem Besuch werde ich am großen Empfang sofort freundlich begrüßt, und man schickt mich im Fahrstuhl hinauf in den vierten Stock, in die oberste Etage. Über einen breiten Gang und durch zwei große Glastüren gelange ich direkt zu der Wohngruppe, direkt in den großen Aufenthaltsraum mit offener Küche. Neugierige Blicke mustern mich, „wer ist das wohl, der da kommt?“.  

In der Lebenshilfe-Werkstatt beschäftigt

Die ‚gemütliche Ecke‘ im großen Gemeinschaftsraum

Links lädt eine ‚gemütliche Ecke‘ mit großer Couch zum Verweilen ein. Vor mir erblicke ich eine Küche, die eindeutig für mehrere Personen ausgelegt ist, und ich nehme mit Birgit Fleischmann an einem der zwei großen Tische Platz, um ein wenig zu plaudern. Aktuell sind nur Nicole und die Betreuerin Jehona Paljoj anwesend. Alle anderen Bewohner ’sind auf Arbeit‘, in den Werkstätten der Lebenshilfe.
„Die normale Schicht zur Betreuung der Gruppe dauert darum von Montag bis Donnerstag auch von 16 bis 22 Uhr“ und am Freitag ab 13.30 Uhr, erklärt Birgit Fleischmann. Nachts gibt es eine Nachtbereitschaft von 22.00 Uhr bis 06.00 Uhr an Werktagen.

Am Wochenende wird ausgeschlafen

Der Frühdienst geht dann bis 10.00 Uhr und kümmert sich darum, dass alle Bewohner mit einem guten Frühstück das Haus verlassen. Er sorgt dafür, dass alle Bewohner rechtzeitig aufstehen und sich für den Alltag zurecht machen. An den Wochenenden geht die Nachtbereitschaft bis 09.00 Uhr früh. Das macht auch Sinn, denn am Wochenende wird einfach gerne mal ausgeschlafen und morgens bleibt Zeit, um den freien Tag zu genießen. Bis 14.00 Uhr ist dann eine Betreuung vor Ort, bis diese dann abgelöst wird von einer Kollegin, einem Kollegen und dann geht die Betreuung wieder weiter bis zum Sonntag. So sind die Bewohner rund um die Uhr betreut und können sich jederzeit Unterstützung bei ihren Betreuern einholen. Das ist Basis einer hohen Lebensqualität.

Betreuung flexibel und nach Bedarf

Wenn zwischendurch jemand krank ist, zum Arzt muss, oder einen anderen dringenden Termin hat, dann ist natürlich auch ein Betreuer da. Am Wochenende ist ‚doppelter Dienst‘, denn dann wird auch in den Lebenshilfe-Werkstätten nicht gearbeitet. Insgesamt sind für die Gruppe sieben Betreuer tätig. „Wir sprechen uns im Team immer gut ab, wer welchen Termin übernehmen kann. Wir sind ein gutes, teilweise über Jahre eingespieltes Team. Da klappt es dann meistens gut, und klar, etwas Flexibilität wird hier schon immer wieder gebraucht, aber das bekommen wir hin.“

Die Zimmer sind mit eigener Nasszelle ausgestattet

Ein großes Bad ist in jedem Zimmer behinderten-gerecht ausgestattet

Von dem Organisations- und Verwaltungsaufwand bekommen die Bewohner, alles Menschen mit geistiger Behinderung, nur wenig mit. Für sie ist es wichtig, ‚dass jemand da ist‘ und man sie in ihrem Alltag fördert und unterstützt. Das ist mit der Übersiedelung der Gruppe nach Unterschleißheim jedenfalls bestens geglückt. Stolz zeigt mir Nicole ihr eigenes Zimmer, mit einem große Fenster und weitem Blick über die Siedlung bis hinüber zu den Kronen des nahen Waldes.
„Wir haben die Raumaufteilung so weit wie möglich vom Willinger Weg übernommen“, erklärt die Betreuerin. Auch ein eigenes großes Bad ist in dem Bewohnerzimmer integriert, ein kleiner Luxus, wie es ihn im alten Willinger Weg nicht gab. „Die Räume dort waren über drei Etagen verteilt und es waren dort keine eigenen Sanitärräume für die Zimmer vorhanden. Das wird sich mit dem Neubau ändern“, erzählt Birgit Fleischmann.

Das Pflegen von eigenen Hobbys

Inzwischen habe man sich auch schon im näheren Umfeld vom Haus am Valentinspark zurecht gefunden. „Wir haben wieder eine nette Metzgerei gefunden, die hat so eine guten Ruf, dass sogar Kunden aus anderen Stadtvierteln dort einkaufen gehen, einen kleinen Laden, eine Bäckerei mit frischen Semmeln für ein gutes Frühstück und ein Supermarkt ist auch ganz in der Nähe. Und auch eine Arztpraxis ‚ums Eck‘, die unsere Bewohner hier ärztlich versorgt und betreut .Bewohner waren auch schon dort vorstellig, es scheinen sehr freundliche Ärzte zu sein, die auch mit unserem Klientel gut klar kommen. Eine der Bewohnerin, Petra, arbeitet in der Gärtnerei das HPC-Augustinum in der Nachbarschaft. „Sie ist abends dann zwar ganz schön geschafft, aber es macht ihr Freude. Sie hat immer schon in kleinen Kübeln Gemüse gezüchtet und gelegentlich bringt sie aus der Gärtnerei auch was mit.“

In der Gruppe ist ein aktiver Biker. Seine Saison beginnt wieder im Frühjahr. Auch er wird lernen, sich in dem neuen Umfeld zu bewegen. Ein anderer Bewohner arbeitet in der Küche der Lebenshilfe-Werkstatt. Am Wochenende hilft er dann fleißig ‚bei der Selbstverpflegung‘ mit. Die Wohngruppe nimmt nämlich nicht den Service der Senioreneinrichtung in Anspruch, es wird an den Wochenenden selbst gekocht.

Die Selbständigkeit fördern und erhalten

Helle große Fenster heben das Lebensgefühl

„Es ist uns wichtig und darauf legen wir in der Betreuung auch großen Wert, dass wir die Eigenständigkeit und den Erhalt der Selbstständigkeit der Bewohner fördern und unterstützen. Dazu zählt auch das Kochen oder die Wäsche zu machen“, erzählt Jehona Pacjoj. „Das beginnt beim Schreiben einer Einkaufsliste für 10 Personen. Was wollen wir kochen und was brauchen wir dafür? Es muss organisiert werden: Jemand kümmert sich um den Einkauf, um das Kochen, um das Eindecken der Tische,und es muss abgeräumt und dann natürlich auch das Geschirr gewaschen werden. Für so eine große Gruppe ist das mit viel Organisationstalent verbunden, und natürlich bleiben die Betreuer hier unterstützend nicht außen vor.“

Große Räume und breite Gänge für ein gutes Lebensgefühl

Auch ‚die ersten Besucher‘ waren von dem neuen Zuhause – bis zur Fertigstellung des Neubaus am Willinger Weg – positiv gestimmt, angefangen bei den Eltern und dem Betriebsrat bis hin zum Brandschutzbeauftragen. „Die großen hellen und barrierefreien Räume, Gänge und Türen vermitteln ein besseres Lebensgefühl als die beengten Räume in dem früheren verwinkelten Altbauhaus“, bekräftigt Birgit Fleischmann.
„Man hat jetzt sogar noch ein Zimmer ‚auf Reserve‘. Damit besteht die Möglichkeit für die Betreuer – wenn ‚es mal später wird‘ oder der Verkehr zu stark ist – hier zu übernachten. Selbstverständlich können wir das nur solange anbieten, bis alle Zimmer vergeben sind .Das ist den Mitarbeitern auch deutlich kommuniziert worden.“

Gemeinsame Aussprache und Privates

Wie in den Wohneinrichtungen der Lebenshilfe München üblich, setzen sich alle Bewohner. Einmal in der Woche zusammen, um sich auszutauschen und zu besprechen, ob es im Miteinander oder in der Organisation Handlungsbedarf gibt. Meistens aber sitzt man für ein, zwei Stunden in der gemütlichen Ecke zusammen, pflegt die Gemeinschaft, tauscht sich aus. Jeder der Bewohner hat jederzeit die Möglichkeit, sich in sein Zimmer zurück zu ziehen, und alle verfügen über einen eigenen Fernseher. Privatsphäre ist wichtig. Birgit Fleischmann resümiert, dass sich zwischenzeitlich alle Bewohner im neuen Zuhause wohlfühlen.

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