Angehörige von Menschen mit Behinderung sind verunsichert

Interview mit Margret Meyer-Brauns von der Angehörigenberatung der Lebenshilfe München

Viele Angehörige von Menschen mit Behinderung sind verunsichert –
Sie sind zukünftig von neuen Gesetzgebungen betroffen

(gsp) In der Presse lesen wir immer wieder über das neue Bundesteilhabegesetz, und auch das seit Januar 2017 geltende Pflegestärkungsgesetz II ist immer wieder Thema. Es war ein langer Weg der großen Koalition, der Kassen und der Sozialverbände, im Schaffen von rechtlichen Grundlagen für betroffene Menschen, für Menschen mit einem Anspruch auf Hilfe und Leistungen. Auch die Dachorganisationen der Lebenshilfe haben sich in diesem Prozess über Jahre engagiert, bis heute. Die neuen Gesetze sollen zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen beitragen.

Speziell in München bietet die Lebenshilfe eine wöchentliche Beratung für Betroffene, für ihre Angehörigen oder ihren rechtlichen Betreuer und das seit 45 Jahren. Einmal im Jahr organisiert die Beratung der Lebenshilfe München ein Tagesseminar zum Sozialrecht mit Jürgen Greß. Das Seminar des erfahrenen Fachanwalts für Sozialrecht ist immer ausgebucht.

Margret Meyer-Brauns von der Angehörigenberatung der Lebenshilfe München / Foto: gsp

Die umfassende und kompakte Information zu den von der Gesetzgebung berührten Lebensbereichen nutzen immer viele Teilnehmer um sich fortzubilden. Darunter auch immer wieder Interessierte aus anderen Organisationen der Behindertenhilfe, wie auch Behörden, die mit der speziellen Thematik tagtäglich betraut sind.  

Ganz so sieht es auch Margret Meyer-Brauns von der Angehörigenberatung der Lebenshilfe München e.V., der die Moderation und Organisation obliegt. „Informationen zu dem neuen Bundesteilhabegesetz oder dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz gibt es viele. Wie die jeweiligen Leistungen aber häufig ineinander greifen, wird selten deutlich.“

800 Beratungen jährlich

Themen, die Meyer-Brauns aus ihrer täglichen Arbeit, die sie seit 15 Jahren ausfüllt, zur Genüge kennt. „Im Jahr beraten wir alleine bei uns bis zu 800 Personen. Weitere Beratungen werden in der OBA und im Familienunterstützenden Dienst, den Frühförderstellen und anderen Bereichen der Lebenshilfe München geleistet. Allein die Zahl macht deutlich, wie hoch der Bedarf ist. Hinter jedem einzelnen Gespräch aber stehen ein oder mehrere Lebensgeschichten und Fragestellungen. Keine Situation gleicht genau der anderen. Viele junge Eltern sind einfach verunsichert, fragen sich, was auf sie zukommen wird.“

Ablehnung trotz gesetzlichem Anspruch

Ihr Bedauern spricht die engagierte Fachkraft darüber aus, dass Anträge, obwohl sie gesetzlich formulierte Ansprüche benennen, von den zuständigen Leistungsträgern oft abgelehnt werden. „Das kann für Eltern, die über die Sorge um das eigene Kind hinaus sich auch noch mit seitenlangen Anträgen, Bescheiden, Nachweisen, ärztlichen Attesten und anderem mehr befassen müssen, schon zu einem traumatischen Erleben werden. Meistens wird der Bescheid nach unserem Widerspruch dann zwar positiv entschieden, doch es erfordert viel Zeit und Energie.“

Ausbildung auf dem aktuellen Stand?

Meyer-Brauns hat häufig den Eindruck, dass die Ausbildung und Fortbildungen bei den betroffenen Institutionen, nicht immer auf den aktuellen Stand sind oder die Mitarbeiter ganz einfach überfordert sind. „Es greifen immer mehr und immer neuere Bestimmungen, denn die Umsetzung der Leistungen aus dem zweiten Pflege-Stärkungs-Gesetz und dem neuen Bundes-Teilhabe-Gesetz ist ein fortlaufender, dynamischer Prozess. Vieles findet auch erst in wenigen Jahren seine Anwendung, seine Umsetzung.“

Ein langer Weg zu gesetzlichen Grundlagen

Die Beratung der betroffenen Angehörigen ist seit ihrer Gründung die ureigenste Aufgabe der Lebenshilfe München. So sahen es die Gründungseltern schon und in deren Sinne wird es weitergeführt. Rechtliche Bedingungen zu fordern, die die Angehörigen schützen und Ihnen die Möglichkeit gibt förderliche Lebensbedingungen für die ganze Familie zu schaffen. Das war bis weit in die 60er-Jahre hinein längst keine Selbstverständlichkeit. Es war ein langer und harter Weg. Es gab keine Kindergärten, Schulen, keine Werkstätten, keine Frühförderung – nichts.

Noch keine Inklusion im Alltag

Selbst hin zur Teilhabe und Inklusion ist es auch heute noch ein weiter Weg. „Wie kann es sein, dass Toiletten in öffentlichen Restaurants nicht zugänglich sind für Menschen mit Behinderung. Die medizinische Versorgung die unzureichend ist. Die geforderten und vom Gesetz her zugesagten med. Versorgungszentren stehen bisher nicht zur Verfügung, – es gibt noch zahlreiche andere Beispiele, die eine ehrlich gemeinte Teilhabe dieses Personenkreises doch sehr in Frage stellen“ ,ereifert sie sich.

Bei der Beratung der Lebenshilfe München, wie auch bei dem jährlichen Rechtsseminar von Fachanwalt Jürgen Greß aber geht es nicht um Politik, sondern um ganz konkrete und lebensnahe Situationen. Wann etwa greift eine Grundsicherung, wie verhält es sich mit dem Kindergeld, welche Leistungen umfasst die Pflegeversicherung – und, was immer auf großes Interesse findet – wie funktioniert die Antragsstellung und Durchsetzung von Sozialleistungen?

Bleibt das Vermögen erhalten?

Ein großes Thema bei den Angehörigen ist auch immer die Frage nach einer Vollmacht oder rechtlichen Betreuung, wenn das Kind erwachsen und damit geschäftsfähig ist. Auch die Sorge: Wie geht es nach unserem Tod weiter? Wie sichern wir unser Kind mit Behinderung ab? Darf und kann ein Mensch mit geistiger Behinderung, der auf öffentliche Leistungen/ Hilfen angewiesen ist über Vermögen verfügen? Was ist bei einem ‚Behindertentestament‘ zu beachten?

Das Tagesseminar 2018 “Alles was Recht ist“ 
mit Jürgen Greß ist geplant für den 10.November 2018.Nähere 
Informationen ab September 2018 bei der Angehörigenberatung oder 
unter: www.Lebenshilfe-Muenchen.de

Eine Beratung leistet die Lebenshilfe München immer kostenlos, vieles lässt sich bereits am Telefon oder per Mail beantworten. Ab der zweiten Beratung ist eine Mitgliedschaft bei der Lebenshilfe München erwünscht. Margret Meyer-Brauns: „Eine Mitgliedschaft von 60 Euro jährlich deckt zwar nicht die Kosten, ist aber ein solidarischer Beitrag. Die Beratung – von der es in ganz Deutschland auch innerhalb der Lebenshilfe nur sehr wenige gibt – finanziert sich über Spenden, Mitgliedsbeiträge und wird gefördert durch die Landeshauptstadt München (Sozialreferat), den Landkreis München, den Bezirk Oberbayern sowie durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen.

Zum engen Team um Margret Meyer-Brauns zählt die Volljuristin Andrea Siemen.

Ihr direkter Link zur Eltern- und Angehörigenberatung:
http://www.lebenshilfe-muenchen.de/beratung-und-begleitung/ein-vertrauliches-gesprach/

Die Lebenshilfe München: engagiert in vielen Bereichen:
https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2017/01/30/lebensfragen-projekte-und-wohnen/

Eine Information zum Bundesteilhabegesetz:
https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2016/12/24/mehr-inklusion

Ein Kommentar zu “Angehörige von Menschen mit Behinderung sind verunsichert

  1. Pingback: Menschen mit geistiger Behinderung und die Demenz | Lebenshilfe München

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