Lebenshilfe: Vom Elternverein hin zu einem gemeinnützigen Wirtschaftsunternehmen

Vom Anfang der Lebenshilfe bis in die 80er-Jahre

Um die Arbeit der Lebenshilfe München einschätzen und verstehen zu können, hilft ein Blick in die Geschichte. Die spezielle Entwicklung des Elternvereins, der lange auch als Selbstinitiative von betroffenen Eltern wahrgenommen wurde, kam 13 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit nicht von ungefähr. Vielen Eltern erschien die Gründung der Lebenshilfe damals als ein “Lichtstrahl im Schattendasein ihrer behinderten Kinder. Eltern ermutigen sich gegenseitig, ihre Kinder nicht mehr zu verstecken, sondern selbstbewusst zu ihnen zu stehen. In zahlreichen Städten und Landkreisen gründen sie Orts- und Kreisvereinigungen der Lebenshilfe und organisieren Hilfe und Förderung.“ (Quelle)

In den 60er-Jahren entstanden erste Tageseinrichtungen, Kindergärten und (Sonder-) Schulen. Dahin führte ein langer und harter Weg der Eltern, galten doch Menschen mit geistiger Behinderung als dafür ungeeignet. Heute völlig unvorstellbar, doch damals musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Menschen mit geistiger Behinderung sollten nicht mehr nur verwahrt – etwa in Psychiatrien – und versorgt, sondern gezielt gefördert werden. 

In den 70er-Jahren entstanden dann die ersten Lebenshilfe-Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung, Frühfördereinrichtungen und betreute Wohneinrichtungen.

Mit dem Alter von Menschen mit geistiger Behinderung
wachsen auch die Angebote und die spezielle Förderung

Peter Puhlmann, Geschäftsführer der Lebenshilfe München erklärt: „Parallel zum Älterwerden der Kinder wuchsen die Angebote der Lebenshilfen in ganz Deutschland, auch hier in München. In den Heilpädagogischen Tagesstätten etwa betreuen wir die Menschen bis zum 18. Lebensjahr, und die Werkstätten ermöglichen den Einstieg und Verbleib im Berufsleben.“

Sehr viele Impulse und Fortschritte sind dabei dem unglaublichen Einsatz der betroffenen Eltern geschuldet, sowie den engagierten Pädagogen und Lehrkräften. Auch manches Gesetz, etwa die Novellierung des Bundessozialhilfegesetzes 1974 mit der Einführung eines einheitlichen Behindertenbegriffes, war nötig, um die rechtlichen Rahmenbedingungen und Fördergelder zu erwirken.

Original aus dem L.I.E.S. – Heft. Zum Vergrößern auf das Bild klicken.

Der Betrieb von Tageseinrichtungen, die Heilpädagogischen Tagesstätten (HPT) von heute, Frühfördereinrichtungen, Werkstätten und betreute Wohneinrichtungen waren natürlich mit einem rein ehrenamtlichen Engagement von Eltern nicht mehr zu schaffen. Dazu kam in den 80er-Jahren noch die Offene Behindertenarbeit (OBA) und später der Familienunterstützende Dienst (FUD).

„Ja damals, bis 1970, war die Lebenshilfe in München noch ein kleiner Verein, doch wir hatten immerhin schon 1000 Mitglieder. Neben einem kleinen Büro gab es noch eine Sekretärin, aber keine Wohnstätten, keine OBA und auch noch keine Elternberatung, zumindest offiziell nicht. Denn geholfen haben wir uns gegenseitig immer“, erinnert sich die Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe München, Gerlinde Englmann. (Quelle)

In den 80er-Jahren heutige Struktur geschaffen

Das änderte sich in den 80er-Jahren. Die Lebenshilfe München nahm langsam jene Form an und jenes Leistungsspektrum auf, das im Wesentlichen bis heute besteht. Ausgenommen der ‚Ambulante Dienst‘, der in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Die Organisationsstruktur als Verein blieb bis 2007 nahezu unverändert bestehen, und im Innenverhältnis war ein Geschäftsführer aktiv. Die zentrale Verwaltung, also etwa die Finanz- oder Personalverwaltung, wurde von hauptamtlichen Kräften bewältigt.

Das Neben- und Miteinander von Eltern, Betreuern, Hauptamtlichen, Fachkräften aus allen Bereichen, vor allem von Pädagogen, Erziehern und Heilerziehungspflegern, brachte einen ganz neuen Prozess in Gang. Es führte zu mehr Dynamik in der Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung.

Zur Unterstützung der Ziele und Aufgaben des Vereins „Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. Stadt und Landkreis München“ wurde bereits 1969 ein Kuratorium gegründet, das den Elternverein bei schwierigen Fragen und Entscheidungen bis heute immer begleitet. Es ist besetzt mit Politikern, Medizinern, Ärzten, Unternehmern und prominenten Persönlichkeiten.

Rehabilitation statt Verwahrung

Bei allem Wachstum und Erfolgen des Elternvereins war immer das Wohl und die Förderung der Kinder das zentrale Anliegen. Dabei hat sich in den Jahrzehnten bis in die 80er-Jahre einiges im Bewusstsein der Bevölkerung verändert. Hat man in den Anfängen noch um eine Rehabilitation statt einer Verwahrung gekämpft, normalisierte sich das Verhältnis zu Menschen mit Behinderung und man war um Integration bemüht. Langsam erreichte das Thema der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung das Denken von Politikern und Verantwortlichen. Auch hier waren es wieder die Eltern und Pädagogen, die es mit Nachdruck einforderten.

Einen entscheidenden Beitrag dazu leistet bis heute die UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2006. Doch bereits früher gab es klare Forderungen, etwa eine „Erklärung der Rechte geistig behinderter Menschen“ (Declaration on the Rights of Mentally Retarded Persons) aus dem Jahr 1971 oder die „Erklärung der Rechte der behinderten Menschen“ (Declaration on the Rights of Disabled Persons) aus dem Jahr 1975. Eine der Forderungen betraf den Schutz vor Diskriminierung für Menschen mit Behinderungen. In dieser Erklärung ist festgelegt, dass Menschen mit Behinderungen dieselben Menschenrechte genießen wie gleichaltrige nicht behinderte Menschen – und das ohne Einschränkung und unabhängig von der Art der Behinderung. (Quelle)

Wohngruppen für ein selbständiges Leben

Die unglaubliche Dynamik des Elternvereins ist auch innerhalb der Lebenshilfe München deutlich zu sehen. 1978 konnte die erste Wohneinrichtung in der Hofbauernstraße eröffnet werden. In den 80er Jahren folgten gleich sechs weitere Häuser und Wohnungen, wo Menschen mit geistiger Behinderung in kleinen Gruppen von bis zu 12 Personen unter Betreuung zusammenleben und ihren Alltag weitgehend selbständig gestalten. Alle Bewohner sind tagsüber in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung berufstätig.

Für den Elternverein bedeutete es nicht nur eine enorme finanzielle Leistung – für jedes der Häuser und Wohnungen bis zu einer Million Deutsche Mark. Es mussten die Objekte gefunden werden, Angebote verglichen, Verhandlungen geführt, Umbauten durchgeführt und letztlich auch die Organisation des Ganzen bis hin zum Bezug und zur Betreuung der Wohngruppen geleistet werden. Es war für die Lebenshilfe Neuland.

Mit einem Training auf die Freiheit vorbereiten

In einem frühen Erlebnisbericht im L.I.E.S.- Heft heißt es dazu: „Für den Einzug soll zunächst ein Wohngruppen-Training vorangehen. Ziel dieses Kurses war es, die Behinderten mit den Erfordernissen eines relativ selbständigen Lebens vertraut zu machen: vom Haushalten mit dem eigenen Geld, dem Vermitteln von hauswirtschaftlichen Fähigkeiten wie kochen oder putzen, dem Zurechtfinden in der Stadt, der Erledigung von Behördengängen bis hin zu sozialen Fähigkeiten, die im Zusammenleben wichtig sind.“

Bei der Standortwahl achtete man auf eine gute Anbindung an Bus und Bahn, sowie die Nähe zu Geschäften, Arztpraxen und Apotheken. Das Ganze war eine echte Meisterleistung der Lebenshilfe München in den 80er-Jahren. Und vor allem war man dem Ziel eines selbstbestimmten Lebens für Menschen mit geistiger Behinderung sehr nahe gekommen. Die Eltern wussten und wissen ihre Lieben bis heute ‚in guten Händen‘ und waren von mancher Sorge befreit.

In den 70er und 80er-Jahren fand der Elternverein zu seiner Struktur, wie sie heute im Wesentlichen besteht. Dies wird bei der Lebenshilfe München gut sichtbar.
In den Siebzigern: die Gründung der Werkstätten (1972 in Sendling), der mobilen Frühförderung (1976), der Offenen Behindertenarbeit (1977) und die Eröffnung einer ersten Wohnstätte (1978)

In den Achtzigern: folgten von 1980 bis 1988 der weitere Erwerb und Betrieb von sechs Wohnstätten, die Eröffnung der Heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) und Schule an der Neuherbergstraße, der Familienunterstützende Dienst (FUD) und die Gründung der Lebenshilfe Stiftung.

Ein nächstes großes und sichtbares Zeichen setzte die Lebenshilfe München 1997 mit dem Bezug des Büro- und Wohnkomplexes in der St. Quirin-Straße.

Lesen Sie dazu mehr in unserer nächsten Folge:
lebenshilfe-muenchen-gewinnt-an-bedeutung/

Reportage: Gerd Spranger

3 Kommentare zu “Lebenshilfe: Vom Elternverein hin zu einem gemeinnützigen Wirtschaftsunternehmen

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