Kunst und Musik für Menschen mit geistiger Behinderung

Angebote der Lebenshilfe München in den Wohneinrichtungen
Nonverbal, ohne Worte, sich mit Musik und Kunst ausdrücken

(gsp) Sie sitzen in einer kleinen gemütlichen Runde zusammen und singen Adventslieder, Kinderlieder, einfache Stücke (Gstanzl) und Volkslieder. Die Stimmung könnte nicht besser sein in dem großen, gemütlich eingerichteten Raum. Mit kleinen Rhythmusinstrumenten wird das musikalische Tète-à-tète unterstützt, Musiktherapeut David Westphäling gibt die Melodie auf seiner Gitarre vor. Es sind fast alle Bewohner der Wohngemeinschaft der Lebenshilfe München in der Packenreiterstraße zusammen. Niemand möchte das Singen und Musizieren mit David missen.

Kommunikation nonverbal für
Menschen mit geistiger Behinderung

Musiktherapie bei der Lebenshilfe München mit David Westphäling

Musiktherapie bei der Lebenshilfe München mit David Westphäling

Er ist seit September 14-tägig in der Wohneinrichtung und seit Juli in der Hofbauernstraße. Einen ersten Zugang zu Menschen mit Behinderung fand er während seines Zivildienstes und hat dann Sozialpädagogik und Musiktherapie studiert. Besonders schätzt er bei den Bewohnern der Lebenshilfe-Wohneinrichtung ihre Kreativität, Ehrlichkeit und ihren Humor. Jeder Mensch finde seinen ganz eigenen Zugang zur Musik, ob beim Trommeln, Singen, Zuhören oder über ein Instrument. David Westphäling will die Runde für seine Gruppe frei und offen halten. „Sie haben ihre eigene Entscheidungskompetenz, finden ihren eigenen Ausdruck der Kommunikation – nonverbal, ohne Worte, mit Musik.“

Es ist aber mehr als eine fröhliche Runde, denn es hilft Menschen mit geistiger Behinderung besonders, wenn sie auf diesem ‚leichten Weg‘ lernen, aus sich herauszugehen. Musik baut Stress ab, lässt einen selbst Gefühle wahrnehmen, die sonst eher verborgen bleiben. „Man lernt neue Seiten an sich kennen“, sagt der Volksmund. 

Musiktherapie und das eigene Ich

Der therapeutische Ansatz sieht es ähnlich. „Musik gibt die Möglichkeit, mit sich selbst in Kontakt zu kommen“, erläutert Paul Oberhofer, Leiter der Lebenshilfe Wohneinrichtung. Das ist in besonderer Weise für Menschen mit geistiger Behinderung ein sehr guter Ansatz. „Sie können sich nicht so gut ausdrücken, es fehlen die Worte. Auch fällt es ihnen schwerer, Situationen einzuschätzen, auch im Miteinander. Musik hilft da sehr“, ist sich Paul Oberhofer sicher.

Kunsttherapie für Gefühle und Stimmungen

Alle machen mit bei der Musiktherapie bei der Lebenshilfe München

Alle machen mit bei der Musiktherapie bei der Lebenshilfe München

Dabei hat Kunsttherapie in den Lebenshilfe-Wohngemeinschaften eine lange Tradition. Bereits vor 15 Jahren bot Lisa von Collas – damals im Rahmen eines Praktikums – in der Wohneinrichtung ‚Hofbauernstraße‘ erste kunsttherapeutische Sitzungen an, die seit dieser Zeit zum festen Programm der Lebenshilfe-Wohneinrichtung zählen. Im Haus verteilt hängen auch immer wieder die Kunstwerke der Bewohner. Sogar ein ganzes Badezimmer hat die Gruppe gestaltet. Lisa von Collas bekräftigt:

„Die Teilnehmer an der Kunsttherapie bekommen über das Malen Zugang zu ihren Gefühlen und Stimmungen. Sie zeigen sie in Bildern und sprechen auch manchmal darüber. Immer wieder bin ich aufs Neue erstaunt und erfreut über die poetischen Bilder, die da entstehen, die auch im Sinne von ‚Art Brut‘ oft hohe künstlerische Qualität haben. Den Teilnehmern, Menschen mit geistiger Behinderung, gelingt es sehr unmittelbar, ihren Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen.“

Hilfe zur Selbsthilfe geben

Die Gruppengröße wird klein gehalten, bis maximal vier Teilnehmer. Es war darum früh nötig, eine zweite Gruppe zu eröffnen. Lisa von Collas beobachtet über die Jahre auch eine Veränderung bei den Kursteilnehmern. „Manche schaffen es heute ganz schnell ‚umzuschalten‘, sich auf die Arbeit, auf ihren eigenen kreativen Prozess zu konzentrieren. Es ist schön das zu beobachten.“ Überhaupt beobachtet Lisa viel, lässt die Teilnehmer selbst gewähren, greift nur gelegentlich ein, gibt Hilfe zur Selbsthilfe.

Kunsttherapie bei der Lebenshilfe München mit Lisa von Collas und Elisabeth Manus

Kunsttherapie bei der Lebenshilfe München mit Lisa von Collas und Elisabeth Manus

„Malen, künstlerisches Gestalten hilft in der Reflexion eigener Gedanken und Empfindungen und auch über die Kurse hinaus ist Raum sich hier zu entfalten, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das hilft unseren Bewohnern sehr“, freut sich Paul Oberhofer.

Die ‚Dritte im Bunde‘ ist Elisabeth Manus. Seit einigen Monaten ist sie als Kunsttherapeutin in der Schmaedel- und in der Packenreiterstraße tätig.

Elisabeth Manus sagt über ihre kunsttherapeutische Arbeit: „Immer wieder staune ich über die Ideen und den Eifer, mit denen die Teilnehmer bei der Sache sind.“

Kunsttherapie mit dem Alltag verknüpfen

In der Schmaedelstraße findet die Kunsttherapie an einem Esstisch statt, in der Packenreiterstraße an einem großen Tisch im Wohnzimmer, also im direkten Lebensumfeld der Bewohner. Das mache es leicht, die Kunsttherapie mit dem Alltag der Teilnehmer zu verknüpfen.

Dabei spielen oft Ereignisse aus dem Alltag der Teilnehmer und der Wechsel der Jahreszeiten eine wichtige Rolle. Sie geben Impulse für die Auswahl der Themen. Im August hat die Gruppe Sonnenblumen gemalt und im Herbst Drachen gebastelt. Zurzeit gestalten sie Holzscheiben als Fliegenpilze und Sterne.

Unterschiedliche Materialien setzen neue Reize

Ein Highlight war für alle das sommerliche Kirschenmalen. Die Kirschen wurden zuerst sehr intensiv betrachtet und während des Malens dann genüsslich verspeist. „Kunsttherapie ist (Er-) leben mit allen Sinnen. Das gemeinsame schöpferische Tun in der Gruppe stärkt das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit zur Kommunikation.“

Spenden ermöglichen das Angebot

Gute Stimmung bei der Musiktherapie bei der Lebenshilfe München

Gute Stimmung bei der Musiktherapie bei der Lebenshilfe München

Paul Oberhofer leitet alle drei Wohneinrichtungen der Lebenshilfe (Hofbauernstraße, Packenreiterstraße, Schmaedelstraße). Er legt Wert darauf, dass die Gruppe ‚echte Materialien‘ aus dem Kunsthandel verwendet. „Unsere Therapieabende wurden teils durch die Stiftung der Lebenshilfe München und gegenwärtig direkt über Spenden finanziert. Damit ist das Angebot für die Bewohner kostenlos. Anfangs hatten wir 10 Euro als Kostenbeteiligung erhoben. Das aber hat wieder einige Bewohner ausgegrenzt, weil sie nur ein sehr kleines Budget haben. Wir wollen das Angebot aber für alle offen halten und sind froh über die Spenden, die Unterstützung für dieses tolle Angebot.“

Dabei hatte Oberhofer an das Musik-Therapieangebot zunächst eine andere Erwartung. „Ich dachte, dass sich unsere Bewohner gut auf den Rhythmus der Musik einstimmen. Das stimmt aber nur zum Teil, denn sie singen viel lieber, haben große Freude daran. Auch haben wir mit David Westphäling jemanden gefunden, der sich gut auf die Gruppe einlassen kann. Hier stimmt die zwischenmenschliche Harmonie.“

Mit Musiktherapie die Stimmungen aufgreifen

David will das in der Musik Erlebte – die Emotionen, Erinnerungen und Assoziationen – mit den Bewohnern gemeinsam verbalisieren. „Das Medium greift zwar nonverbal, eine verbale Aufarbeitung aber ist wünschenswert wo es möglich und sinnvoll ist.“ Neben dem Singen arbeitet Westphäling in beiden Gruppen mit Trommelrunden und der ‚Verklanglichung‘ von Stimmungen nach Jahreszeiten und Themen. Es gehe hierbei etwa auch um Konflikte unter Bewohnern, einer Abgrenzung untereinander und das Wahrnehmung von Bedürfnissen.

Ein Kommentar zu “Kunst und Musik für Menschen mit geistiger Behinderung

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