Lebenshilfe Wohngruppe lebt 35 Jahre zusammen

 

https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2014/01/14/lebenshilfe-muenchen-plant-voraus/

Gemeinsam sind wir stark mit der Lebenshilfe München

Die Wohngruppe (WG) der Lebenshilfe München in der Packenreiterstraße ist eine der ältesten des Elternvereins. Seit 35 Jahren leben hier 15 Menschen mit geistiger Behinderung zusammen. Wir haben die Einrichtung in einem alten Münchner Wohnhaus mit Garten besucht. 

Von der Jugend bis zur Rente

Die viel befahrene Verdistraße ist zwar nur 50 Meter entfernt, doch ist es im Garten des Wohnhauses ruhig, man genießt die Sonne und das Grün. Denn die große Terrasse ist im Sommer der beliebteste Platz. Die zwei großen Gemeinschaftsräume, das Wohnzimmer und die Wohnküche sind gesellige Orte der Begegnung, besonders jetzt in der Ferienzeit. Denn alle Bewohner der Packenreiterstraße gehen einer geregelten Arbeit in den Lebenshilfe-Werkstätten nach, bis auf Bernhard, der bereits im Ruhestand ist und Günther, der eine TENE besucht.

Ausbau und Modernisierung

Sie sind nicht die ersten Rentner der WG, doch drei ihrer langjährigen Mitbewohner haben in die St. Quirin-Straße gewechselt. Hier ist eine Wohngruppe der Lebenshilfe München, die auch tagsüber eine Betreuung bietet. Eine sinnvolle Tagesstruktur zu haben ist für Menschen mit Behinderung ganz wichtig. Eine Herausforderung, der sich die Einrichtung in der Packenreiterstraße in naher Zukunft auch stellen muss. Dafür soll modernisiert, umgebaut und auch die Kapazität vergrößert werden. Architekten stellen in den nächsten Wochen die Pläne dafür vor.

Sich auf Mitarbeiter und Bewohner verlassen

Noch aber ist es die ‚alte Wohneinrichtung‘, in der die Menschen mit geistiger Behinderung seit 35 Jahren ein Zuhause haben. Vier von ihnen sind bereits von Anfang an dabei und fast alle anderen seit 20 Jahren und länger. Das Haus, einst eine private Klinik, könnte viele Geschichten erzählen. Doch allein die letzten Jahre haben schon viel Veränderungen mit sich gebracht, erzählt Einrichtungsleiter Paul Oberhofer, der seit 1997 bei der Lebenshilfe ist. „Die letzte Umstrukturierung war 2015. Da sind die Verantwortlichkeiten für mehrere Häuser zusammengelegt worden. „So bin ich auch für die Lebenshilfe-Einrichtungen in der Hofbauernstraße und in der Schmädelstraße zuständig.“ Für ihn heißt das, sich gut zu organisieren und sich auf Mitarbeiter und Bewohner verlassen zu können.

Oberhofer erinnert sich an die Initiative LeWo (Lebensqualität Wohnen), mit der man im Rahmen eines Qualitäts-Managements die Meinungen und Bedürfnisse der Bewohner stärker berücksichtigte. Heute sieht er vor allem bei jungen Menschen, die nach ihrem Studium in den Beruf einsteigen, neue Ideen und Konzepte für die Arbeit. „Es ist ein ständiger Prozess, in dem wir uns einander ergänzen“, bekräftigt er.

Man ist miteinander alt geworden

Petra Brummer ist derzeit mit 21 Dienstjahren in der WG Packenreiterstraße die älteste der Betreuerinnen. Sie lebt ihren Beruf mit ganzem Herzen und hat hier ihre zweite Familie. Man kennt sich seit zwei Jahrzehnten, ist miteinander ‚alt geworden‘, was hilft, Unstimmigkeiten besser einzuordnen und früh gegenzusteuern. Für sie ist vor allem der Verwaltungsaufwand mit immer mehr Protokollen herausfordernd. Froh ist sie über bessere Hilfen und Techniken bei der Pflege, die das Leben erleichtern.

Integration und die Selbständigkeit von Menschen mit Behinderung fördern

Es ist eine große Gemeinschaftsleistung von Bewohnern und Betreuern, 35 Jahre lang gut miteinander auszukommen. Jeder muss seinen Platz in der Gruppe finden, ebenso Neue, die dazukommen. Dabei ist es von jeher ein zentrales Anliegen der Lebenshilfe München, die Individualität der Bewohner zu fördern, ihre Stärken und Potentiale zu verstärken. So freut sich Gabi, dass sie hier viel Selbständigkeit erwerben konnte. „Ich war zuhause mit meiner Mutter in einem sehr behüteten Umfeld, für mich wurde fast alles gemacht. Erst hier habe ich gelernt, zu was ich selbst eigentlich fähig bin, und das gibt mir Selbstvertrauen.“

„Es ist so gelungen, Menschen zu integrieren, für die es andernorts schwer wird. Sie sind es gewohnt, dass man ihre Individualität respektiert“, so Paul Oberhofer. Anderseits spricht er aber auch davon, dass es wichtig ist Grenzen zu setzen. Grenzen beim Miteinander und Grenzen dort, wo Privatsphäre nötig ist. Oberhofer ist auch froh über den aktuellen Kurs der Lebenshilfe, der sich dem Thema Deeskalation widmet. „15 Menschen unter einem Dach kann nicht immer pure Harmonie sein. Wir lernen, damit umzugehen und Konflikten ihre Dynamik zu nehmen.“

Inklusion und ein kleines Reich für eine Lebensgemeinschaft

Eine ganz eigene und einzigartige Geschichte in der Packenreiterstraße ist die Lebensgemeinschaft zweier Bewohner. Sie sind seit 20 Jahren ein Paar. Für sie hat man eigens zwei Zimmer verbunden, so dass sie ihr eigenes ‚kleines Reich‘ für sich haben. Auch das ist gelebte Inklusion und ein selbstverständlicher Anspruch von Menschen mit Behinderung.

Im Gespräch mit Bewohnern und Betreuern tun sich schnell ganz unterschiedliche Themen auf. Etwa ein eigener Kurs vom Fachdienst für angehende Rentner. Fragen der persönlichen Abgrenzung bis hin zu vertrauensvollen Gesprächen, auch das ist Teil der Integration und der Inklusion. Wenn Bedarf ist, wird ein externer Psychologe für eine Gesprächstherapie eingebunden. Manchmal ist es hilfreich, einen externen Rat zu erhalten. Die Betreuer schätzen die Bewohner eher als streng ein, und sie schaffen gerne an, heißt es aus der Runde. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es ernst gemeint ist, denn ein fast spitzbübisches Lächeln begleitet den Kommentar.

Biographiearbeit: die Geschichte kennen und Menschen verstehen

„Biographiearbeit“ ist ein anderes Stichwort. Man ist sich einig darüber, dass mit dem Weggang von langjährigen Mitarbeitern häufig auch das Wissen darüber verloren geht, wie alles mal war und zusammenhängt. Das ist vor allem bei der Betreuung der Bewohner wichtig. Einer neuen Betreuungsperson sind die Menschen fremd, man weiß nichts über sie. Da wird es fast unmöglich, ihnen gerecht zu werden.

Die Sicht der Betreuer ist eine andere. Sie arbeiten im Schichtdienst, und mit Nachtbereitschaft ist ein 16-Stunden-Tag keine Seltenheit. Gerade während der Ferien oder wenn jemand ausfällt, kommt die Freizeit zu kurz. „Unsere Betreuer sind immer gefordert, sollen immer ansprechbar sein und den Situationen gerecht werden. Das kann manchmal ganz schön fordernd sein, und auch wir müssen lernen, damit umzugehen,“ erklärt Oberhofer.

Gespannte Erwartung auf die Modernisierung und Pläne der Architekten

Der Modernisierung und dem Ausbau des Standortes blickt man mit gespannter Erwartung entgegen. Es ist einerseits ein Umbruch, doch eine Veränderung zum Guten, ist sich der Pädagoge sicher. „Alle Zimmer werden größer, mindestens 14 Quadratmeter, und verfügen über ein eigenes Bad mit WC, Dusche und/oder Wanne. Auch brauchen wir ein, zwei separate Räume für Therapie und Kurse. Die fehlen uns hier.“ Rückblickend freilich sieht das anders aus. Paul Oberhofer erklärt: „Für das Jahr 1981 waren die Voraussetzungen nahezu perfekt. Die Bewohner hatten ein Durchschnittsalter von 25 Jahren, die meisten Zimmer verfügten über Bad/Du/WC und waren mit einer Größe von 10 bis 15 Quadratmeter angemessen. Einige Zimmer verfügen sogar über einen kleinen Balkon, und der Aufzug fährt bis in den ersten Stock. Das war damals ein gehobener Standard.“

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