Menschen mit Behinderung auf das Leben vorbereiten

– Betreute Wohngruppen und ambulante Versorgung
– Die Lebenshilfe München hilft bei der Vorbereitung

Die zwischen 1978 und 1988 eröffneten Wohneinrichtungen der Lebenshilfe München haben Menschen mit geistiger Behinderung bereits sehr früh ein weitgehend selbständiges Leben ermöglicht. Heute stehen sie vor einem grundlegenden Wandel. Sie sind nicht behindertengerecht und für eine engmaschige Betreuung sind sie mit sechs bis zwölf Bewohnern zu klein.

Peter Puhlmann, Geschäftsführer der Lebenshilfe München: „Das heißt in der Konsequenz, dass eine Wohngruppe aus 24 Personen bestehen muss, um rund um die Uhr einen Betreuer/eine Betreuerin stellen zu können. Darüber hinaus brauchen unsere Rentner eine fördernde Tagesstruktur. Diese Vorgaben stellt der Kostenträger, der Bezirk Oberbayern. Im Sinne der Inklusion wird die Selbständigkeit von Menschen mit Behinderung mit einer begleitenden ambulanten Betreuung gefördert. Ziel des ambulant unterstützten Wohnens – wie etwa in der Landsberger Straße – ist es, die Menschen in ihrer Lebensgestaltung dahingehend zu unterstützen, dass sie entsprechend ihrer individuellen Wünsche und Fähigkeiten so selbständig wie möglich in einer eigenen Wohnung leben können.“  

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„Mittendrin wohnen“ in Ein- und Zwei- Zimmerappartements am Kiem-Pauli-Weg.

Die Wohneinheiten der Lebenshilfe München am Kiem-Pauli-Weg in München-Laim und in der Berliner Straße in München-Schwabing stehen mitten in diesem Prozess der Umorientierung. Die Redaktion hat sich mit der stv. Leiterin der Einrichtung (seit 1999), Petra Loncar, und mit Eva-Maria B., einer langjährigen Bewohnerin, unterhalten. Die Wohnungen der Lebenshilfe München am Kiem-Pauli-Weg mit 11 Plätzen sind auf drei Mietshäuser verteilt. Es stehen drei Zwei-Zimmer-Appartements und fünf Einzel-Appartements zur Verfügung. Zudem gibt es einen zentralen Anlaufpunkt mit Gemeinschaftsräumen und Büro. In der Berliner Straße gibt es nochmals neun Plätze in drei Wohnungen.

Kommunale Verantwortung:
die Gestaltung des Lebensraumes

Für Petra Loncar entspricht das Modell der Sozialraumorientierung am ehesten dem Anliegen der Inklusion, wie sie seit 2009 in der UN-Behindertenrechtskonvention festgeschrieben ist. Das sei im öffentlichen Raum zum Beispiel in der Absenkung von Bordsteinkanten oder in der Einführung von Niederflurbussen zu sehen, bei Neubauten etwa an Aufzügen, ebenerdigen Eingängen, Wohnungen mit Türen, durch die ein Rollstuhl passt, Bädern mit ebenerdigen Duschen und Haltegriffen im Bad. „Das erleichtert übrigens auch ein seniorengerechtes Wohnen und Leben in einer alternden Gesellschaft.“

Bei der Sozialraumorientierung profitieren alle Bewohner von guter Infrastruktur vor Ort. Gute Angebote sind zum Beispiel in Stadtteilzentren, Kirchengemeinden oder Vereinen zu finden. Dazu zählen auch das Freiwilligen-Engagement, die Nachbarschaftshilfe und diverse Freizeitangebote in dem Stadtteil, in dem Menschen mit Behinderung wohnen. Eine sinnvolle Ergänzung dazu sind Begegnungsmöglichkeiten, Beratungsangebote, Beteiligung an Planungs-, Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen im Wohnviertel. Ganz wichtig dabei ist bei der Einbeziehung von Menschen mit Behinderung die „einfache Sprache“ bei Hinweisen, in Schreiben, in Stadtführern und öffentlichen Mitteilungen.

Die Gesellschaft bewegt sich – bewegt sie sich?

„Es wird aber noch einige Jahrzehnte brauchen, bis sich in der Einstellung der Gesellschaft spürbar etwas ändert“, ist die Pädagogin vorsichtig optimistisch. Fachkräfte helfen dafür den Weg zu bereiten. Sie assistieren Menschen mit Behinderung auf dem Weg zur Teilhabe, zur Inklusion. Mit ihrer Hilfe können soziale Netze in der Nachbarschaft, im Wohnviertel, aktiviert und durch engagierte Mitbürger geschaffen werden.

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Auch das Kochen wird geübt und zelebriert

Ein Prozess, der selbst am Kiem-Pauli-Weg nur schwer erkennbar ist, wo seit 1980 Menschen mit geistiger Behinderung weitgehend selbständig wohnen. „Das könnte aber auch an der Struktur liegen“, meint Petra Loncar. „Es wohnen hier viele Menschen, die mit ihrer eigenen Situation sehr zu tun haben.“

Und dennoch bieten gerade die Wohnungen der Lebenshilfe München am Kiem-Pauli-Weg ihren Mietern eine große Chance, wie bei Eva-Maria B. schnell deutlich wird. Sie nimmt zögerlich an dem Gespräch teil, hat sich dafür extra Zeit genommen, und die neue Situation fordert von ihr etwas Überwindung. Sie erzählt kurz von ihrem Wohnungs-Werdegang seit dem Tod ihrer Mutter, das genaue Datum nennt sie dabei mühelos. Sie wohnte dann einige Jahre bei ihrem Vater, half ihn und pflegte ihn auch bis zu dessen Tod. Der kurzzeitige Versuch, selbständig in einem eigenen Appartement ohne engmaschige Begleitung zu leben, scheiterte. Dann bekam sie von einer Lebenshilfe Werkstatt-Leiterin den Tipp, sich doch am Kiem-Pauli-Weg um einen Wohnplatz zu bewerben. Am 2. November 2006 zog sie dort ein.

Ein selbständiges Leben ist möglich

In den zehn Jahren hat sie eine gute Entwicklung genommen. Sie lebt selbständig in ihrem Appartement mit Unterstützung durch die Mitarbeiter der Lebenshilfe München. „Wir räumen gemeinsam einmal in der Woche auf, wir erstellen einen Wochen-Speiseplan, besprechen den Einkauf, das Haushaltsgeld und einige Dinge mehr“, erläutert Petra Loncar. Den eigentlichen Einkauf aber besorgt Eva-Maria selbst, ebenso die Wäsche und das Putzen der Wohnung, eben alles, was der Alltag abverlangt. Dabei ist sie weiterhin ganztags in der Lebenshilfe-Werkstatt für Menschen mit Behinderung berufstätig.

Sie ist temperamentvoll und impulsiv, was sie mit Nachbarn und Mitarbeiter schon öfters in schwierige Situationen gebracht hat. Sie ist aber auch sehr musikalisch, kann sich Melodien, Texte und Zahlen gut einprägen. Auch einen Freund hat sie, mit dem sie meist die Wochenenden verbringt. Kennengelernt haben sich die beiden übrigens am 29. Februar, „da bleibt die Liebe jung“, kommentiert sie und lacht.

Nicht alle schaffen die Veränderung

Eva-Maria B. ist eine von acht Bewohnern aus 20, die gute Chancen haben in ein ambulant betreutes Wohnen zu wechseln. Auch will sie es selbst und hat Ehrgeiz entwickelt: „Ich schaffe das“, ist sie sich sicher.

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Eva-Maria im Gespräch mit Petra Loncar

„Wir haben einige Anwärter, die zwar ambitioniert sind, doch letztlich – wenn man sie vor die unmittelbare Wahl stellt – einen Rückzieher machen, sich überfordert fühlen, Angst haben“, erzählt Loncar.

Die restlichen zehn bis zwölf Bewohner brauchen engmaschigere Angebote mit Begleitung, Anleitung und Unterstützung. „Ein selbständiges Leben überfordert sie“, ist sich die Pädagogin sicher. „Das funktioniert mit einer ambulanten Betreuung und einer wöchentlichen Betreuungszeit von maximal acht Stunden nicht.“ Für sie bedeutet das, dass sie in den nächsten Jahren in eine andere Lebenshilfe-Einrichtung wechseln müssen, wo eine intensivere Begleitung möglich ist.

„Für die Betroffenen wird das ein sehr schwerer Schritt werden“, meint Petra Loncar. „Sie sind vor 30 Jahren in der Erwartung und dem Versprechen hier eingezogen, bis zum Lebensabend bleiben zu können. Zudem ist es für Menschen mit geistiger Behinderung viel schwerer, sich so einschneidenden Veränderungen zu stellen. Es ist Heimatverlust, bedeutet Angst vor der Zukunft, große Verunsicherung und Stress. Die unvorhergesehene Situation stellt Anforderung an die Bewohner, die ihre Fähigkeiten und Bewältigungsstrategien übersteigen, so dass sie krisenhaft erlebt wird.“

„Wir lassen niemanden allein“

Anderseits wird so anderen Menschen mit Behinderung die Möglichkeit geboten, sich auf ein selbständiges Leben mit ambulanter Betreuung vorzubereiten. „Ja, es ist für die Betroffenen nicht leicht“, räumt Peter Puhlmann ein. „Doch bieten wir ihnen auch in Zukunft das bestmögliche Zuhause mit einer engmaschigen Betreuung und Förderung. Wir lassen niemanden allein.“ Aufgabe der Lebenshilfe ist es, eine Vielzahl von Wohnmöglichkeiten anzubieten, um auf die individuellen Bedürfnisse eingehen zu können. Innerhalb der Organisation muss es eine Durchlässigkeit geben, so dass ein Wechsel möglich ist.

Und noch einen anderen Aspekt macht der Geschäftsführer der Lebenshilfe München geltend: „Vor 30 oder 40 Jahren hat noch niemand daran gedacht, dass so viele Menschen mit Behinderung in das Rentenalter eintreten. Und dafür braucht es neue Betreuungsangebote.“

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Kiem-Pauli-Weg: eine Wohnsiedlung mit guter Anbindung und zentrumsnah – Fotos: Gerd Spranger

2 Kommentare zu “Menschen mit Behinderung auf das Leben vorbereiten

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