„Ich habe noch nie einen glücklichen Alkoholiker gesehen“

Vom Spannungsfeld der Lebenshilfe-Einrichtungen sprach Jürgen Hollick vom Bildungswerk des Bayerischen Bezirkstages in seinem Vortrag bei der Lebenshilfe München (siehe Bericht). „Menschen mit geistiger Behinderung soll möglichst viel an Freiheit und Selbstbestimmung gegeben werden. Anderseits obliegt der Lebenshilfe die Fürsorgepflicht und die ist in letzter Konsequenz dominant“, führt er aus.

professor_web

Professor Dr. Vitalij Kazin verdeutlicht das Ausmaß von Suchterkrankungen

Aktuell wurde das Thema vor dem Hintergrund der Suchtgefahr, die gesellschaftlich ganz allgemein stark steigend ist, aber auch innerhalb der Lebenshilfe-Einrichtungen. Darum warnte Christian Kerler, Koordinator der Lebenshilfe München für den Bereich Wohnen, vor der ‚großen Freiheit‘.

„Je stärker der Bereich des selbstbestimmten Wohnens ausgebaut wird, desto mehr sind auch Menschen mit geistiger Behinderung allen Aspekten des gesellschaftlichen Zusammenlebens ausgesetzt“, argumentiert er. „Menschen mit geistiger Behinderung können nicht so gut differenzieren und sind auch leicht zu beeinflussen. Wenn dann das gesellschaftliche Umfeld, zum Beispiel in Problemviertel, nicht stimmt, wächst auch die Gefahr durch Suchtmittel stark an.“ 

In seinem Vortrag ‚Suchtprobleme bei Menschen mit Intelligenzminderung‘ verdeutlicht Professor Dr. Vitalij Kazin von der Median Klinik St. Georg dann das ganze Ausmaß von Suchterkrankungen. Dabei sollte man wissen, dass Menschen mit Behinderung in der Regel nur 1/3 der Alkoholmenge von völlig gesunden Menschen vertragen. Darüber hinaus sei jeder zweite Behinderte mit irgendeiner Form der Epilepsie vorbelastet, „auch wenn sie nicht erkennbar ist“. Ganz allgemein gelte, dass 95 Prozent aller Straftaten in Deutschland unter Alkoholeinfluss verübt würden. „Ich habe noch nie einen glücklichen Alkoholiker gesehen,“ bringt es der Professor auf den Punkt, im Gegenteil. Jeder vierte Alkoholabhängige habe bereits einen Suizidversuch hinter sich.

Der Vortrag grenzte das Thema im Wesentlichen auf Alkohol ein, denn das sei bei Menschen mit Behinderung die Suchtgefahr Nummer eins. „Der Konsum von Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert, ist leicht verfügbar und billig im Preis.“ Statistiken gehen von 1,5 Millionen Menschen mit lern- und geistiger Behinderung aus, die vom Alkoholproblem betroffen seien.

Alkoholsucht habe auch immer mit Schuld und Scham zu tun, bis hin zu schwerer Depression. „Menschen mit Behinderung sehnen sich nach Normalität, nach Anerkennung, nach einem Dazu-Gehören.“ Sucht sei letztlich ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme von Suchtmitteln. Die Zahl der Alkoholvergiftungen sei in den letzten zehn Jahren um 112 Prozent gestiegen. An der Spitze steht die Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen mit 195 Prozent, gefolgt von den Senioren mit 181 Prozent. Kurioser Weise bezieht der Staat aus ‚dieser Quelle‘ jährliche Steuereinnahmen von 3,5 Milliarden Euro. Aus der Tabaksteuer 14,4 Milliarden Euro.

Weitere Informationen und Hilfen zum Thema ‚Sucht‘ finden Sie unter:
www.dhs.de

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.