Übergänge: wenn das Leben die Weichen neu stellt

Familien-Therapeutin Teresa Schachtl im Interview

Ein früher und spürbarer Einschnitt, eine Zäsur in unserem Leben, ist der Übergang in die Schule. Im Kindergarten bereiten wir heute schon früh darauf vor. Auch die Lebenshilfe München begleitet Kinder bereits in der Frühförderung und hilft ihnen und ihren Eltern den Sprung in die Schule zu schaffen. Die gestellten Aufgaben dabei sind für alle Beteiligten groß, denn es sind Kinder mit einem besonderen Förderbedarf. Die systemische Familientherapeutin (DGSF), Teresa Schachtl, hat bei einer Tagung des Landesverbands der Lebenshilfe in Bayern für Schul- und Tagesstättenleiter den Eröffnungsvortrag zum Thema „Übergänge“ gehalten. Wir haben einige ihrer Anregungen aufgegriffen und sie um ein Interview gebeten.

Schachtl_TeresaRedaktion: Sie haben mit Michelangelos „Madonna della scala“, der Oper „Die Zauberflöte“ von Mozart und einem Zitat aus dem Zettelkasten von Michael Ende drei Bezüge hergestellt, die uns eigentlich in fremde Welten, in andere Perspektiven führen. Sie öffnen zugleich, fragen nach und stellen in Frage. Ist das für uns heute ein richtiger Ansatz? 

T. Schachtl: Ich wollte zur Eröffnung der zweitägigen Tagung eine Einführung zum Thema „Übergänge“ liefern, die auf etwas ungewohnte Weise vermittelt, wie tief das Thema in der Menschheit verwurzelt ist. Dass bedeutende Kunstwerke oft Menschen im Übergang zeigen, weil diese Situation, die Zerrissenheit und die Spannung so spannend für den Betrachter ist. Mit den Beispielen wollte ich die Tragweite verdeutlichen, die jeder persönlich bedeutsame Übergang für jeden Menschen hat. Michael Ende fragt sehr philosophisch, ob das Bewusstsein um die Vergänglichkeit, die im Übergang aufscheint, überhaupt dauerhaft auszuhalten ist. In Mozarts Oper wird deutlich, wie ein Übergang (vom Reich der Königin der Nacht“ hin zum Sonnentempel) z.B. durch einen Übergangsgegenstand (die Zauberflöte) oder eine geliebte Begleitperson erleichtert wird. Anhand dieser Geschichte konnte ich quasi alle systemischen Elemente, die einen Übergang ausmachen schematisch und hoffentlich ansprechend erklären.

Redaktion: Wir Erwachsenen gehen Herausforderungen sehr differenziert an, verkomplizieren häufig – zu häufig. Was ist hier der Unterschied zu Kindern, die stärker von ihrem emotionalen Erleben geprägt sind?

Auch Erwachsene handeln stark emotional

T. Schachtl: Sozial- und neuropsychologische Erkenntnisse zeigen auf, dass auch Erwachsene nur scheinbar differenziert an Entscheidungen herangehen, die ausschlaggebenden Impulse werden oft vom limbischen System gegeben, das als das „Säugetiergehirn“ sehr basal und emotional ist. Wenn wir am Übergang vor Prüfungen gestellt werden gibt es z.B. einen Mechanismus, der das zu erreichende Ziel aufwertet, wenn wir einen hohen Aufwand betrieben haben. Deshalb gibt es aufwändige Aufnahmeverfahren bei jugendlichen Gangs genauso wie in etablierten Firmen, um die Mitglieder mehr an die neue Gruppe zu binden. Ebendas passiert auch in Mozarts Zauberflöte, als ein Prinz lebensgefährliche Prüfungen bestehen muss, um in den Tempel zu gelangen.

Redaktion: Die Rolle der Erwachsenen wird durch Eltern, das Umfeld (Bekannte) und – bei der Lebenshilfe München – auch von einer Begleitung durch die Frühförderung bestimmt. Alle suchen das Wohl des Kindes. Was raten Sie, um zu einer gemeinsamen Strategie bzw. Begleitung zu kommen. Eine Frage der Dominanz?

Nicht ‚in das grüne Tal‘ tragen

T. Schachtl: Leider sind wohlgemeinte Ratschläge für die Familie und das was andere für das Beste halten nicht immer gleichzusetzen mit dem Wohl des Kindes, da es seine Selbstwirksamkeit und die Erzieherkompetenz der Eltern schwächt. Die systemische Familienberatung erkennt an, dass es nicht möglich ist, Menschen in einem Übergang zu begleiten, in dem man sie „ins grünere Tal trägt“. Wir Helfer müssen akzeptieren dass man so Gefahr läuft, die Klienten dann entweder „unterwegs zu verlieren“ oder, selbst wenn sie ankommen sollten, dieser Übergang nichts wert war, da er nicht aus eigener Kraft und selbstwirksam bewältigt wurde.
In der Frühförderung haben wir das große Glück in einem interdisziplinären Team zu arbeiten, in dem jeder ständig die Grenzen der eigenen Therapieform erkennt, weil er auf den anderen angewiesen ist. Und wir alle arbeiten nur und ausschließlich im Auftrag der Eltern.

Redaktion: Sie sprechen auch von einer positiven Akzeptanz bei einer ‚Nicht -Veränderung‘. Das ist dann aber nur einen Schritt von Resignation weg – oder?

„Ich habe das Beste gewählt“

T. Schachtl: Nein. Im Gegenteil, nur wenn ein Berater bereit ist anzuerkennen, dass ein Klient aus allen ihm momentan verfügbaren Möglichkeiten für sich die Beste gewählt hat, und dass es unheimlich schwer fällt, diese vorläufige Sicherheit zu verlassen, dann kann er den Möglichkeitsraum des Klienten erweitern. Und nur dann wird der Klient auch neue Perspektiven zulassen (können). Jeder neue Übergang hängt davon ab, wie stabil die Ausgangspositition ist und wie selbstbewusst jemand an diesen Schritt heran geht, dieses Selbstbewusstsein kann ich nur durch echte Akzeptanz unterstützen, ständige Ratschläge erzeugen eine Gegenreaktion, die als „Reaktanz“ bezeichnet werden kann.

Redaktion: Sie sprechen von ‚Übergängen‘, sehen sie als prägend für das persönliche Leben und für die Beziehungen in denen wir stehen. Wir müssen also immer für Korrekturen offen sein, ein Prozess, ein voneinander lernen? Auch wir lernen, sind im ‚Übergang‘?

Die Schwester der Verabschiedung ist der Neubeginn

T.Schachtl: Ja. Übergänge definieren ja quasi eine Lebensspanne. Wenn man sich das Leben auf einem Zeitstrahl vorstellt, markieren persönlich bewältigte Übergänge wichtige Punkte auf diesem. Geburtstage, Schulbeginn, Berufseinstieg, Abschiede, Neuanfänge. Deshalb ist dieses Thema so existentiell, weil einem an diesen Punkten klar wird, dass man sich ja eigentlich laufend von etwas verabschiedet und etwas Neues beginnt. Dass Geschehen zur Vergangenheit wird und man immer weiter voran schreitet. Das beschreibt Michael Ende in seinem Aphorismus, den ich vorgestellt habe. Und das wird auch Kindern an diesen Punkten bewusst, wenn auch eher wie ein plötzliches Erleben. Kinder erleben das Leben noch eher als „Pfützenspringen“, als im „Lebensfluss“ wie bei uns Erwachsenen. Aber auch kleine Kinder haben dazu ihre Gedanken, die ernst zu nehmen und gut zu begleiten sind.

Redaktion: Auf ihre drei Beispiele zurück kommend. Es geht in allen dreien um die richtigen Werte, um Wertigkeiten, um Tugenden. Ist das als ein Appell an uns zu verstehen?

T.Schachtl: Nein, ich wollte bei diesem Vortrag keine Wertvorstellungen transportieren. Es geht eher darum, dass die subjektiven Werte, Einstellungen und Eigenschaften derjenigen, die einen Übergang bewältigen, mitbestimmen, wie man an diese Aufgabe herangeht und wie man die auftretende Verunsicherung erlebt und verarbeitet.

Redaktion: Es ist aber schwer, anderen Menschen ‚unsere‘ Werte zu vermitteln, vor allem wenn sie aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen.

Aktive Frühförderung bei viel Migrations-Hintergrund

T.Schachtl: In der Frühförderstelle Feldkirchen der Lebenshilfe München haben wir viele Kinder und Familien aus München-Riem, das ja bekanntermaßen ein Viertel mit vielen unterschiedlichen Migrationsgeschichten ist. Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Arbeit scheint mir, dass viele dieser Migrationsgeschichten unglaubliche Resilienzkräfte (Innere Kraft) der Menschen offenbaren, die sie an ihre Kinder als Stärken weitergeben. Dabei kann man sehr demütig werden, wenn man solche Geschichten hört und man fragt sich häufig, wer da was von wem lernen kann. Natürlich ist gerade der Umgang mit Entwicklungsverzögerungen in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich, dadurch müssen wir zu jederzeit sehr gut zuhören und auch Zwischentöne gut wahrnehmen, um elterliche Ängste begleiten zu können, die ja oft gesellschaftlich geprägt sind.

Redaktion:
„Herzlichen Dank für das Gespräch“

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