Die Anfänge der Wohnstätten

Die Ehrenvorsitzende der Lebenshilfe München, Gerlinde Engelmann, erinnert sich

Im Juli feierte die Wohngemeinschaft an der Hofbauernstraße, unweit von Schloss Blutenburg, ihr 35-Jähriges Bestehen. Es war die erste Wohnstätte der Lebenshilfe München. Gerlinde Engelmann war damals bereits aktiv im Elternverein, seit 1980 im Vorstand. Sie erinnert sich noch gut an die positive Aufbruchstimmung. Bis heute ist sie Ehrenvorsitzende und Trägerin zahlreicher Auszeichnungen, bis hin zum Bundesverdienstkreuz.

„Ja damals war die Lebenshilfe in München noch ein kleiner Verein, doch wir hatten immerhin schon 1000 Mitglieder. Neben einem kleinen Büro gab es noch eine Sekretärin, aber keine Wohnstätten, keine OBA und auch noch keine Elternberatung, zumindest offiziell nicht. Denn geholfen haben wir uns gegenseitig immer“, erinnert sich die Ehrenvorsitzende.    

Gerlinde Engelmann (l.) im Gespräch mit der neuen Vorsitzenden der Lebenshilfe München, Barbara Rumschöttel. Foto: Gerd Spranger

Gerlinde Engelmann (l.) im Gespräch mit der neuen Vorsitzenden der Lebenshilfe München, Johanna Rumschöttel.
Foto: Gerd Spranger

Für den Elternverein ging es um viel Geld, ob beim Kauf der Immobilie an der Hofbauernstraße (1978), des Kien-Pauli-Weg (1980) oder an der Packenreiterstraße (1981). Bis 1988 folgten noch weitere fünf Wohnstätten. „Mit heute verglichen haben wir damals natürlich richtige ‚Schnäppchen‘ gemacht. Wir haben pro Anwesen etwa 500.000 bis 800.000 DM bezahlt.“

Aber auch damals war es sehr viel Geld. Die Eltern engagierten sich mit hohen Geldspenden, auch Organisationen wie der Rotary- oder der Lions-Club. „Es war damals die drängende Frage ‚wohin mit unseren Kindern wenn sie und wir älter werden. Es gab zu der Zeit in München nur eine einzige große Einrichtung, wo 300 Menschen mit Behinderung ‚untergebracht‘ waren. Unter Förderung und Eingliederung haben wir schon damals etwas anderes verstanden und wollten es in eigenen Wohnstätten mit kleinen Wohngruppen auch umsetzen.“

Gerlinde Engelmann erinnert sich auch an Fälle, wo die Eltern bis zum Schluss ‚ausgehalten‘ hatten. „Dann sind sie verstorben und das Kind, der Mensch mit Behinderung, stand im Alter von 30 oder 40 Jahren plötzlich ganz alleine dar, völlig hilflos.“

Orientierung: in jungen Jahren ist es leichter

Je jünger Menschen mit Behinderung in eine Wohngruppe eingegliedert werden, desto besser sind die Chancen sich dort auch zurecht zu finden. „Es geht ja weiter“, so Engelmann. „Wo ist die nächste Haltestelle für die Bahn oder den Bus, wo ist die nächste Einkaufsmöglichkeit, wo der Arzt oder die Apotheke? Wir wollen die Menschen in ihren Fähigkeiten fördern und fordern.“ Ein ‚System‘, das sich bis heute bewährt hat.“ So arbeiten die meisten in den Wohngruppen lebenden Menschen mit Behinderung in den Lebenshilfe-Werkstätten oder auch in Betrieben der ‚freien Wirtschaft‘. Sie leisten dort nicht nur gute Arbeit, viele fahren sogar selbständig dorthin.

Die Lebenshilfe München betreut auch schwerst- und mehrfachbehinderte Menschen, etwa im Förderzentrum der Silvia-Görres-Schule oder in Putzbrunn. Zunehmend auch ältere Menschen im Rentenalter, denn die Kinder von damals sind heute ‚in die Jahre gekommen‘.

Veränderungen: immer darauf reagieren

„Es war immer die Stärke der Lebenshilfe, zeitnah auf Veränderungen zu reagieren und die Weichen dafür zu stellen. So waren wir auch nach der Wende die erste ‚Eltern- bzw. Behindertenorganisation‘ im Osten des neuen Deutschlands, die hier eine Struktur aufbaute. In der damaligen DDR war man weit weg von einer Förderung von Menschen mit Behinderung. Das Regime war in dieser Hinsicht in den 50er-Jahren stehengeblieben.“

So ist Gerlinde Engelmann zurecht stolz auf das von ihr und ihren Wegbegleitern gemeisterte, auf den Weg gebrachte. Immer wieder hebt sie die enge Zusammenarbeit im Vorstand hervor, nennt Menschen, die sich in herausragender Weise mit ihrem Wissen eingebracht haben.

„Die Einrichtung von Wohngruppen war damals wirklich eine Pioniertat. Wir konnten kleine Gruppen mit sieben Personen und zwei Betreuern bilden, es auch gegenüber dem Bezirk durchsetzen. Das war wirklich eine Leistung“, resümiert sie. „Natürlich konnte man in den großen, und teilweise auch kirchlichen, Einrichtungen kostengünstiger arbeiten. Doch geht es hier nicht um Kosten, sondern um die Würde von Menschen und seine Förderung. Im Blickfeld steht für Sie dabei immer der Mensch selbst. Bis heute ereifert sie sich, wenn sie vermeidliche Missstände ‚entdeckt‘.

Kompetenz: über das Studium hinaus

„Oft haben Menschen mit Behinderung große Herausforderung mit der Ordnung, wenn der Schrank z.B. im Chaos versinkt. Einige Betreuer berufen sich dann auf die ‚Privatsphäre‘ des Betroffenen und machen um den Schrank einen Bogen. Ebenso stellt das tägliche Wechseln von Wäsche und die Körperpflege eigene Herausforderungen. Kann man das mit dem Verweis auf ‚den eigenen Willen‘ dann einfach ignorieren? Ich denke Nein, und nochmals Nein!“

Gerlinde Engelmann fordert pädagogisches Geschick, Einfühlung und ‚Sachverstand‘ von Fachkräften. Überhaupt zweifelt sie, ob alle Sozialpädagogen besonders gegenüber Menschen mit Behinderung die Situation immer richtig einschätzen. „In vielen Fällen stehen Krankheitsbilder hinter ‚merkwürdigem Verhalten‘, hinter ‚Auffälligkeiten‘. Wer das nicht weiß und einordnen kann, hat einen schweren Stand und das ist wiederum zum Nachteil der Betroffenen.“

„Lebenshilfe“ hat eben viele Facetten, vor allem, wenn sie sich der Menschen mit Behinderung annimmt. Gerlinde Engelmann kennt fast alle, hat sich 40 Jahre für den Verein an vorderster Front engagiert. Auch heute noch, mit über 75 Jahren, ist sie aktiv, hält engen Kontakt zur Geschäftsstelle und setzt sich mit aktuellen Fragen auseinander. Bei ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Vorstand vor 10 Jahren war die Nachfrage zu den Angeboten der Lebenshilfen München ungebrochen groß. Es gab eine Warteliste von 150 Anmeldungen, erinnert Sie sich. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Ein Kommentar zu “Die Anfänge der Wohnstätten

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