Sind Menschen mit Behinderung gefährlich?

In Pakistan hält sich dieses Vorurteil. Ein Besuch in Lahore, im Haus der Wunder.

Für die junge Doktorandin (29) Maria Magdalena Fuchs war der erste Besuch in Pakistan vor drei Jahren auch ein Kulturschock. Sie reiste für einen Forschungsaufenthalt nach Lahore, mit 7 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes und dessen kulturelles Zentrum. Mitten in einer armen Gegend von Lahore, in dem es am Nötigsten fehlt, wo ständig der Strom ausfällt und Abwässer das Trinkwasser verschmutzen, da entdeckte sie das „Haus der Wunder“.   

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Sommer 2013: Maria mit Schwester Nargis und Schwester Arshad, Mitarbeiterinnen im Heim

Hier finden misshandelte Menschen, von ihren Familien Ausgestoßene und vor allem viele Menschen mit Behinderung eine Zuflucht. Sie werden im täglichen Leben von der Gesellschaft ausgeschlossen und stigmatisiert. Behinderung gilt als Schande, viele behinderte Menschen leben bettelnd auf der Straße. Der Schwesternorden ‚Sisters of Charity of Saint Jeanne Antide Thouret‘ hat das Behindertenheim „Dar ul-Karischma“, auf Deutsch „Haus der Wunder“, sowie zwei Schulen inmitten des Elends geschaffen. Maria Magdalena Fuchs lernte die Einrichtung im Rahmen ihres Forschungsaufenthaltes kennen und fasste sich sogleich ein Herz für die Menschen. Sie gründete mit ihrem Mann Simon, einem gebürtigen Münchner, und dessen Freunden den Verein ‚Omid-e Punjab‘.

Wir haben uns zunächst auf das Nötigste konzentriert. Das war eine unterstützende Stromversorgung mit Solarenergie, denn das öffentliche Netz ist nur für drei Stunden täglich freigeschaltet, sowie die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser. Dieses Jahr haben wir außerdem die sanitären Einrichtungen im Wohntrakt der Männer komplett renoviert“, erzählt Maria Magdalena. Der Schwesternorden selbst ist innerhalb der katholischen Kirche eine eigenständige Organisation und hat sich dem Dienst an den Armen verschrieben, lebt mit den Menschen. „Er betreibt weltweit viele Projekte in Entwicklungsländern, in denen es nicht um Missionierung, sondern um soziale Dienstleistungen geht“, weiß die engagierte Doktorandin. „Oft sind die Ressourcen knapp und es gibt Nachwuchsprobleme, weil keine jungen Schwestern aus Europa nachkommen.“

Und so hat sie mit dem jungen Verein im ‚Haus der Wunder‘ bereits selbst erste Wunder vollbracht. Mit 5.600 Euro Spendengeldern wurden die ersten Projekte umgesetzt und zwei Solaranlagen finanziert. Im zweiten Jahr seines Bestehens konnte der Münchner Verein schon mehr als 13.000 Euro an Spenden sammeln. Zwei professionelle Wasserfilter wurden davon gekauft, die Pflegerinnen erhielten eine Weiterbildung, und die Sanitäranlagen der Männer wurden komplett saniert.

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Simon Fuchs freut sich über die neuen Solarventilatoren und LED-Lampen im Haus der Wunder

Es soll aber weiter gehen. „Es fehlt in Pakistan an ausgebildeten Fachkräften im Bereich der Behindertenarbeit, vor allem an Therapeuten und Pflegern. Dazu kommt noch das fehlende Verständnis für Menschen mit Behinderung, vor allem durch den religiösen und kulturellen Hintergrund. Menschen mit Behinderung werden oft zuhause ‚versteckt‘, an das Bett gefesselt, oder gar von ihren Verwandten ausgestoßen. Behörden behandeln Behinderte zusammen mit psychisch Erkrankten und Traumapatienten. Oft leben sie in Psychiatrien oder Krankenhäusern, wo sie in unterirdischen Kellerräumen hinter Gitterstäben angekettet werden. Nur die wenigsten erhalten angemessene Pflege und Förderung.“

Pakistan ist zwar kein hinduistisches Land, gleichwohl existiert hier das Kastensystem weiter. „Unberührbare“ sind Menschen außerhalb des Systems, also Kastenlose. Dazu zählen Menschen mit Behinderung nicht. Sie sollen aber geistig verwirrt, gefährlich, und von Dämonen besessen sein. Es hält sich das Vorurteil, dass Behinderte gefährlich sind und andere angreifen.

Für jene, die ihren Weg in das „Haus der Wunder“ finden, ist es ein ausgesprochener Glücksfall. Sie erhalten zuerst ein Bad und frische Kleidung und sind danach ‚versorgt‘, einige lernen hier zum ersten Mal sprechen. Die vier Ordensschwestern kümmern sich nach Kräften um die 90 Bewohner. Vor allem um die nötigste Hilfe, den Menschen zumindest ein Zuhause zu schenken. Fachkräfte gibt es nicht und auch das nötige Geld (etwa 300 Euro monatlich) ist für sie nicht vorhanden. Lebensmittel für die Grundversorgung werden meist gespendet und auch sonst hat sich ein kleiner Kreis an Helfern gebildet. Die Not aber ist groß, zu groß.

Das Umfeld ist zudem schlecht und nicht alle sehen das Engagement des Schwesternordens wohlwollend. Für die Freundlicheren ist es das „Haus der Verrückten“. Manche werden auch handgreiflich gegen die Schwestern, haben ihre eigene Meinung vom Schicksal und dem Lauf der Dinge. Offizielle Zahlen über geistige und körperliche Behinderungen sind nicht verfügbar, Schätzungen reichen von 10 bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung – das wären mehr als 20 Millionen Menschen.

Ähnlich angespannt ist die Situation bei den Schulen der Schwestern. Unterrichtet werden die Armen, die Ausgestoßenen und die Rechtlosen. Kinder, deren Eltern etwa in den Ziegeleien der Großgrundbesitzer arbeiten. Viele Kinder sind selbst schon in diesem Kreislauf der ‚Schuldknechtschaft‘ gefangen. ‚Lothi‘ heißen sie, besitzen keine ID-Card, sind Leibeigene und arbeiten eigene Schulden oder die der Vorfahren ab, so genau weiß das keiner. Auch Kinder aus dem Drogenmilieu erhalten durch die ‚Sisters of Charity of Saint Jeanne Antide‘ eine Schuldbildung. Es ist für sie die einzige Chance, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen.

Der gemeinnützige Verein ‚Omid-e Punjab e.V.‘ hat sich viel vorgenommen. Er hat mit einem kleinen Team aus 9 jungen Leuten aber auch schon viel erreicht. Die Vorsitzende, Maria Magdalena Fuchs, bleibt optimistisch: „Wir sind alle Doktoranden oder junge Berufseinsteiger und haben hier in Deutschland viele Privilegien genossen. Wir können das, was wir haben, mit anderen Menschen teilen, indem wir etwas für sie tun. Das ist christliche Nächstenliebe wie sie gemeint ist. Dabei schauen wir nicht auf Herkunft, Religion oder gesellschaftlichen Stand. Jede Hilfe und jeder Hilfesuchende ist uns willkommen.“

Wer mehr über den Verein erfahren möchte, findet auf der Homepage die nötigen Informationen. omidepunjab.com/de/

 

 

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