Lebenshilfe München: 30 Jahre Wohngemeinschaft am Gottfried Böhm Ring

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(gsp) In den 80er Jahren verwirklichte die Lebenshilfe München in kleineren Häusern und größeren Wohneinheiten sieben von heute elf Wohnstätten für Menschen mit geistiger Behinderung. Dabei wurde auf eine gute Stadtlage mit kurzer Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel und Integration im ‚normalen Wohnumfeld‘ wert gelegt. Die Wohngemeinschaft am Gottfried-Böhm-Ring feiert 2014 ihr 30-jähriges Bestehen.   

Einrichtungsleiter Helmut Kirchner hat sein dreißigjähriges Dienstjubiläum bei der Lebenshilfe München schon hinter sich und freut sich über die Erfolgsgeschichte ’seiner‘ Einrichtung, in der heute vier Männer und drei Frauen zusammen leben. Die jüngste Bewohnerin ist 50 Jahre, der älteste 73 Jahre alt. Fünf von ihnen sind der Einrichtung seit Anfang an treu geblieben, es ist längst ihr Zuhause geworden, die gute Atmosphäre ist greifbar. Sie leben als ‚große Familie‘ zusammen, jeder hat sein eigenes Zimmer. Es gibt eine große Gemeinschaftsküche, ein geräumiges, gemütliches Wohnzimmer mit Balkon, sowie drei Bäder und Toiletten. Das kleinste Zimmer ist das Büro der fünf teilzeitbeschäftigten MitarbeiterInnen.

Der Kosten-Druck wächst

Helmut Kirchner bedauert aber auch, dass diese Art der Wohnform, wie sie in den Gründungsjahren des Vereins der Lebenshilfe entstanden ist, heute nicht mehr möglich sein soll und vom Kostenträger aus finanziellen Gründen so nicht mehr genehmigt werden würde. „Die Vorgaben verlangen heute größere Einheiten, und eine behindertengerechte Raumgestaltung – von der Zimmergröße und dem direkten Zugang zu den Bädern, bis hin zu den Brandschutz-Auflagen.“
Im Gottfried-Böhm-Ring ist die Wohngruppe in einem ganz ’normalen Wohnhaus‘ im 3. Stock untergebracht. Schon in der Bauphase konzipierte man aus ursprünglich 3 Wohnungen eine WG mit 200 Quadratmetern. Der fehlende Aufzug schränkt zwar die Belegungsmöglichkeiten ein, hält aber die Bewohner und Mitarbeiter offenbar fit und jung.

Die kleinen Dinge des Alltags

Die BewohnerInnen sind mobil und beim ersten Kennenlernen ist ihre Beeinträchtigung auch nicht zu merken. „Das Problem liegt woanders“, so Kirchner. „Ein völlig selbständiges Leben ist ihnen nicht möglich, denn es fehlt z.B. an der nötigen Geschäftsfähigkeit, um die eigenen Interessen etwa gegenüber Firmen (Verträgen), Behörden oder im Krankheitsfall wahrzunehmen. Sie brauchen Unterstützung in vielen alltags-praktischen Dingen. So übersteigt z.B. das Kochen meist die eigene Kompetenz, reicht aber für Mikrowelle, Brotzeit und Frühstück. Es sind sehr unterschiedliche Defizite, bei denen unsere Bewohner auf Hilfe angewiesen sind.“

40 Arbeitsjahre und Tagesstruktur

Bis zum 60. Lebensjahr sind alle berufstätig. Bis auf zwei BewohnerInnen hatten alle das Glück, eine adäquate, ‚beschützte‘ Arbeitsstelle auf dem freien Arbeitsmarkt zu finden. Sie konnten dort schon Jubiläen zwischen 20 und 40 Jahren feiern.

„Wir können natürlich keine 24-Stunden-Betreuung anbieten, doch eine Kernzeit von 14.30 bis 20.30 Uhr ist abgedeckt. Für unsere zwei Rentner haben wir ‚zwischendurch‘ einige Stunden reserviert, um ihnen eine Tagesstruktur bieten zu können.“ Doch haben die sieben Bewohner längst selbst gelernt, die Zeit mit Hobbys sinnvoll zu gestalten. Sie reichen vom Tischtennis zu Fußball, Reiten und Musik. Jeder verfügt zudem über einen eigenen Fernseher und im großen Wohnzimmer schaut man auch gerne gemeinsam. Holger, schon seit 13 Jahren Rentner, hat sich z.B. ganz der Musik verschrieben: gestaltet mit seinem geliebten Revox-Tonband und einem Archiv von über 120 Tonbändern seit vielen Jahrzehnten täglich eine Volksmusik-Sendung im eigenen ‚Studio‘.

‚Aus‘ für den Urlaub

Die Betreuerin Karin Wunsch (Sozialpädagogin) ist seit 20 Jahren in der Einrichtung. Zuerst, als die Familie sie noch forderte, war sie halbtags angestellt, heute arbeitet sie 30 Wochenstunden bei der Lebenshilfe München. „Damals waren wir alle noch jünger“, sagt sie und lacht. „Heute stehen häufiger Arztbesuche, Krankheit und ein deutliches Mehr an Bürokratie an. Früher waren wir auch öfters an der Isar oder in der Stadt, heute sind wir nicht mehr ganz so mobil, auch fehlt die Zeit dazu.“ Gestrichen ist leider die Urlaubswoche der Gruppe mit zwei BetreuerInnen. Eine liebgewonnenen Tradition, die vom Kostenträger nicht mehr refinanziert wird. „Schade, denn es waren immer die besonderen und für den Gruppenzusammenhalt wertvollen Zeiten. Wir sind nach Hamburg, in die Berge oder nach Berlin gefahren. Selbst in Griechenland machten wir einmal gemeinsam Urlaub. Gern erinnern wir uns bis heute daran und erzählen uns auch immer wieder kleine Anekdoten unserer gemeinsamen Erlebnisse.“

Beziehungen aufbauen

Die Wohngruppe der Lebenshilfe München am Gottfried-Böhm-Ring mit Alexandra, Claudia, Hans, Holger, Claus, Marlene und Stefan ist gerne zusammen. „Früher hat es schon mal den einen oder anderen Versuch gegeben, engere Beziehungen, Partnerschaften aufzubauen. Auch von auswärts waren öfters Freunde oder Freundinnen zu Besuch, manchmal sogar über Nacht. Wir sind eine offene Gruppe und wollen soweit wie möglich die Selbständigkeit unserer Bewohner fördern und erhalten. Gefordert wird nur da, wo es nötig ist. Das Zusammenleben selbst ist (fast) frei von größeren Konflikten, kleinere Reibereien gibt es immer mal, wie überall“, erzählt Einrichtungsleiter Helmut Kirchner.

 

Foto: Im geräumigen, hellen Wohnzimmer trifft man sich häufig: bei Gesellschaftsspielen und auch vor dem Fernseher verbringen einige BewohnerInnen gerne gemeinsam ihre Zeit. Von links nach rechts: Einrichtungsleiter Helmut Kirchner, Marlene, Hans, Claus, Claudia, Betreuerin Karin Wunsch und Holger (mit 73 Jahren der Senior der Gruppe).

Foto: Gerd Spranger

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