Der lange Weg zum Erfolg in der Behindertenarbeit

 Gerlinde Engelmann:
„Menschen müssen sich für ihr Recht einsetzen“

(gsp) Immer wieder hört man von den schwierigen Zeiten in den 60er- und 70-Jahren, als sich in Deutschland der Umgang mit Menschen mit Behinderung gründlich veränderte. Das Denken war damals noch geprägt von der jüngeren deutschen Geschichte und „Behinderte“ wurden häufig in Psychatrien verwahrt, wurden als „Bildungsunfähig“ angesehen.

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Die Lebenshilfe verbindet Generationen: Gerlinde Engelmann ist seit 1972 für den Elternverein tätig, Peter Puhlmann seit 2012 als Geschäftsführer.

Eine schreckliche Zeit der Diskriminierung, dem sich einzelne Menschen mutig entgegenstellten, auch die Lebenshilfe München (1960 in München gegründet). Eine jener Pioniere der Lebenshilfe ist Gerlinde Engelmann. Die heute 78jährige Mutter von drei Kindern gründete 1972 mit zwei KollegInnen die Elternberatung der Lebenshilfe München und war bis 2001 im Vorstand des Elternvereins, dem sie heute noch als Ehrenvorstand angehört. „Damals, nur zehn Jahre nach Gründung der Lebenshilfe München, war viel Unruhe im Verein“, erzählt sie. Ja, man überlegte sogar den Anschluss an einen kirchlichen Verband (Caritas).

 

Doch schließlich rang man sich durch, und eröffnete 1971 in der Auenstraße sogar eine erste Heilpädagogische Werkstatt, was 1972 zur Gründung der Lebenshilfe-Werkstatt GmbH in der Scharnitzstraße führte. Die damalige Vorsitzende, Silvia Görres, hatte einen großen Anteil daran und setzte sich trotz vieler Widerstände durch. In Würdigung ihrer Arbeit trägt die Einrichtung der Lebenshilfe München an der Neuherbergstraße ihren Namen. Die Silvia-Görres-Schule ist ein privates Förderzentrum (Schwerpunkt geistige Entwicklung) mit Schule und Heilpädagogischer Tagesstätte (HPT).

Mangelware Schule

Ein erster großer Erfolg des Vereins, wenn die Probleme auch tiefer saßen. Gerlinde Engelmann: „Schon 1963 bei der Einschulung meiner Tochter (mit Behinderung) merkte ich schnell, dass es für sie kaum schulische Möglichkeiten gab. In ganz München hatten wir nur eine einzige Sonderschule, zumindest im Süden der Stadt.“ Die hatte aber mit Volker Körner einen engagierten Sonderschulrektor am HPCA (Hasenbergl), der noch bis heute im Kuratorium der Lebenshilfe München aktiv ist und von 1974 bis 1983 auch Vorsitzender des Elternvereins war. Seine Vor-Vorgängerin, Mathilde Eller, unterrichtete sogar während des Krieges heimlich und privat Kinder mit Behinderung. Sie war auch Mitbegründerin der ersten Schule in Bayern für Menschen mit geistiger Behinderung an der Klenzestraße. Die Schule trägt bis heute ihren Namen.

Die ersten HPTs in München

Gemeinsam habe man eine ganze Menge erreichen können, wie zum Beispiel erste „Heilpädagogische Tagesstätten“ (HPT) in der Dietlindenstraße, in der Konstanzer Straße und in Ottobrunn. „Das eröffnet den Eltern wieder viele Möglichkeiten und die Kinder und Jugendlichen erhalten eine professionelle Förderung. Damals und bis heute sind die HPTs zentrale und wichtige Einrichtungen in der Behindertenarbeit.“ Und damals noch viel mehr, denn es gab für Menschen mit Behinderung keine Schulpflicht und auch keinen eigenen Fahrdienst – heute undenkbar.

Gemeinsam zum Erfolg

Ein aktiver Vorstand mit prominenten Führungskräften aus unterschiedlichen Fachbereichen war für die engagierte Mutter ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. „Wir waren von dem Konzept großer Einrichtungen, in dem hundert und mehr Menschen mit Behinderung untergebracht waren, schon damals nicht überzeugt. Heute weiß man längst, dass Inklusion anders aussieht. In den 70ern haben wir aber viel, viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um kleinere Einheiten, Wohngruppen mit bis zu zehn Personen, bei den Kostenträgern durchzusetzen. Aber auch bis dahin war ein weiter Weg, der in einem kleinen Bürozimmer begann. Alle arbeiteten ehrenamtlich für „die Sache“, für das Wohl von Menschen mit Behinderung. „Das ist deutlich schwieriger geworden, denn heute arbeiten meist auch die Mütter für das Auskommen der Familie mit, und manchmal hat man das Gefühl, von der Zeit überrollt zu werden.“

Beratung an der Basis

Bis heute ist ihr die Elternberatung ans Herz gewachsen und manchmal klingelt auch heute noch ihr Telefon zuhause wenn Menschen Rat und Hilfe suchen. „In der Elternberatung arbeitet man an der Basis, ist und wird mit den Problemen hautnah konfrontiert. Und damals wie heute brauchen Eltern (leider) meist einen Rechtsbeistand für die vielen Anträge, Vorschriften und Programme. Ein komplexer Bereich, mit dem selbst manch öffentlich Bedienstete ihre liebe Not haben.Es sind aber immer wieder die Eltern, die mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen weiterhelfen können. Auch die Geschwister von Menschen mit Behinderung besitzen viel Einfühlung, verstehen die Situation und Herausforderung. Das kann man nicht studieren.“

‚Pause‘ für die Eltern

Erleichterung für die Familien brachte der Ambulante Dienst ebenso wie die Offene Behindertenarbeit (OBA), beide starteten 1976/77. „Viele Menschen mit Behinderung brauchen eine ‚rund um die Uhr Betreuung‘. Da hilft es den Eltern oft schon, wenn man zwischendurch mal für zwei, drei Stunden wichtige Besorgungen erledigen kann. Auch ‚Kurzzeit-Pflegeplätze‘ gab es damals nicht. Heute sind sie im Senioren- und Behindertenbereich selbstverständlich. Genauso zählen die Frühförderstellen heute zu den gefragten Einrichtungen der Lebenshilfe München. Sie nahm mit dem Ambulanten Dienst ihre Arbeit auf. Beide therapieren und fördern in einem interdisziplinären Team behinderte Kleinkinder.

Verdienstorden und Bundesverdienstkreuz

Gerlinde Engelmann kennt alle Facetten der Vereinsarbeit. Sie war viele Jahre selbst Vorstand, auch im Landesverband, und gerne hätte man sie im Bundesvorstand der Lebenshilfe gesehen. „Wöchentlich die 500 Kilometer bis nach Marburg zu fahren war mir damals aber zu viel. Diese Zeit wollte ich lieber hier in München investieren.“ An Auszeichnungen und Anerkennung ihres Engagements von 1972 bis heute fehlt es aber nicht, auch ohne Bundesvorstand. So wurde ihr nicht nur der Ehrenring des Landkreises München und die Goldene Ehrennadel vom Bundesverband verliehen, sondern auch das ‚Bundesverdienstkreuz am Bande‘, der ‚Bayerische Verdienstorden‘ sowie weitere Auszeichnungen.

Die Geschichte geht weiter

Eine andere Erfolgsgeschichte, nämlich die Gründung von 10 Wohngruppen in München, ihre internationalen Erfahrungen in der Behindertenarbeit und ihr Wunsch nach einer verbesserten Eingliederungshilfe erzählt Gerlinde Engelmann in der nächsten Reportage – hier im Blog – http://www.lebenshilfeblog.de – unter:
Link: https://lebenshilfemuenchen.wordpress.com/2014/10/06/die-anfaenge-der-wohnstatten/

2 Kommentare zu “Der lange Weg zum Erfolg in der Behindertenarbeit

  1. Pingback: Bewegte Anfangsjahre der Lebenshilfe vor 60 Jahren | Lebenshilfe München

  2. Pingback: Die Anfänge der Wohnstätten | Lebenshilfe München

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