Lebenshilfe München: „Den Menschen gerecht werden“

Im Gespräch mit der Erzieherin Angelika Anzinger vom HPT in Unterhaching

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(gsp) Die Erzieherin Angelika Anzinger engagiert sich seit 38 Jahren für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung in der Heilpädagogischen Tagesstätte ‚G‘ (HPT) der Lebenshilfe München in Unterhaching. Im Gespräch wird schnell deutlich, wie sehr ihr das Wohl der Kinder am Herzen liegt.

Sie hat dabei aber auch die Eltern im Blick und möchte andere für ihren Beruf begeistern.„Viele haben keine Vorstellung vom Beruf des Pädagogen, Erziehers oder Heilpädagogen im Kinder- und Jugendbereich. Dabei gibt es kaum eine befriedigendere Aufgabe, als anderen Menschen zu helfen ‚weiterzukommen‘, sich in ihrer Persönlichkeit zu entwickeln.“   

„Man bekommt viel zurück“

Bei Menschen mit geistiger Behinderung ist das freilich ein langer Prozess. „Die Kinder und Jugendlichen aber sind ehrlicher, direkter, verstellen sich nicht. Sie kommunizieren ihre Freude, ihren Ärger, ihre Lust und ihren Frust meist unvermittelt. Und jedes Kind ist anders, hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Das bleibt immer spannend, man bekommt viel zurück.“

Am liebsten ist Angelika Anzinger mit den Kindern unterwegs, geht raus in die Öffentlichkeit. „Das ist ein Teil der Inklusion. Menschen mit Behinderung dürfen nicht an den Rand der Gesellschaft abgestellt werden. Sie müssen in die Gesellschaft mit eingebunden sein.“ Dabei hat sie in ihren ersten Jahren in Unterhaching oft das Befremden vieler ’normaler‘ Menschen erleben müssen, wenn sie sich mit einer Gruppe von Menschen mit Behinderung unvermittelt konfrontiert sahen. „Hier hat sich glücklicherweise vieles zum Besseren gewandelt, wenn auch manche Unsicherheiten bleiben.“

Mit der S-Bahn ins Zentrum

Gerne fährt die Erzieherin mit der S-Bahn und ihrer Gruppe von fünf bis sieben Kinder direkt ins Zentrum von München (Besuch von Sehenswürdigkeiten, kleine Einkäufe, Museen, etc…). Ein bis zwei Betreuer sind ebenfalls mit dabei. „Allein ist das nicht zu schaffen. Es braucht nur jemand aus der Gruppe heraus akute gesundheitliche Probleme zu bekommen oder ungewollt ‚abzutauchen‘, den Anschluss zu verlieren.“ Solche heiklen Situationen aber kann Angelika Anzinger in den 38 Jahren ihrer Tätigkeit an einer Hand abzählen. „Glücklicherweise aber ist dabei nie etwas passiert.“ Erleichtert werden die Ausflüge auch durch Handys, denn so ist man immer erreichbar oder kann Hilfe rufen.

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Eine Grundvoraussetzung für die Unternehmungen ist die Nähe der Einrichtung in Unterhaching zur S-Bahn-Station. „Ein Fußweg von einer halben Stunde würden diese Aktivitäten sofort ausschließen. Es ist wichtig, dass Menschen mit Behinderung einen schnellen Zugang zu den Öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen haben, also zentral wohnen. Auch das ist ein wesentlicher Teil von Inklusion. Darauf hat die Lebenshilfe München immer schon geachtet, bereits in den 80er-Jahren bei der Wahl der Wohnstätten.“

„Die Gesellschaft reagiert sensibel“

Zum ‚Rausgehen‘ zählt auch ein ordentliches Erscheinungsbild. „Niemand mag ungepflegte Menschen. Die Kinder aber müssen es lernen, sich zu pflegen, angemessen zu kleiden und vor dem ‚Rausgehen‘ auch noch einen kritischen Blick in den Spiegel zu werfen. Die Meisten würden es von sich aus nicht tun, es ist ihnen nicht so wichtig. Die Gesellschaft aber reagiert sensibel.“ Für die Kinder sind die Besuche in der Stadt ein gutes Training, ist sich die Erzieherin sicher. „Sie lernen in Stress-Situationen gelassener zu werden, was ihnen hilft, im Leben zu (be-)stehen.

Es sind viele Kleinigkeiten, die ins Gewicht fallen. So ist Kommunikation immer wieder ein zentrales Thema, denn viele von den Kindern können sich nicht ausdrücken und damit verständlich machen. In der Heilpädagogischen Tagesstätte ‚G‘ wird darum auch mit Bildern, kleine Kärtchen mit Symbolen und Schrift, gearbeitet. Mittlerweile werden auch die ’neuen Medien‘ mit professioneller Lernsoftware eingesetzt. Und auch hier ist es immer wieder das Kind, das Tempo und Inhalte vorgibt, „es zeigt und sagt was es kann.“ Bei der Lebenshilfe München ist man besonders in diesen Bereich um Fortbildung bemüht, will gemeinsame Standards schaffen.

„Mehr Lebensqualität“

Den Eltern möchte Angelika Anzinger Mut machen. „Sie haben viele Jahre lang Großartiges geleistet, für ihr Kind alles gegeben. Und doch leben viele im ständigen Zweifel, ob es ausreicht, sie das Richtige tun und getan haben – bis hin zu Selbstvorwürfen. Wir wollen die Eltern unterstützen, ihnen helfen. Die Kinder sind bei uns gut aufgehoben. Sie haben ein Umfeld, in dem sie gefördert und betreut werden. ‚Die Last‘ verteilt sich so auf mehrere Schultern. Die Kinder sind nicht ’schwer erziehbar‘, sondern sie sind anders und einzigartig. Für die Kinder bedeutet das Eingebunden-Sein in die Gruppe ein mehr an Lebensqualität. Und genau das ist es, worauf es ankommt.“

„Zu wenig Personal“

Mit Sorge blickt die Sozialpädagogin auf den stetig wachsenden Kostendruck der Leistungsträger. „Es kann nicht sein, dass die Förderung und Betreuung von Menschen mit Behinderung sich rein an den Kosten orientiert. Sie muss sich an den Menschen orientieren, sich nach den Menschen ausrichten. Weniger Personal und größere Gruppen sind nicht machbar.“ So ist auch der Wegfall der ‚Zivis‘ bis heute für soziale Einrichtungen eine große Herausforderung. „Engagierte Menschen im Bundesfreiwilligendienst sind zwar ein kleiner Ausgleich, doch es gibt viel zu wenige davon.“ Die Arbeit mit Ehrenamtlichen, wie etwa bei der OBA (Offene-Behinderten-Arbeit) und beim FUD (Familienunterstützender Dienst) der Lebenshilfe München, ist in den Heilpädagogischen Tagesstätten schwierig. Denn die Kinder brauchen Zeit, um sich an neue Betreuer zu gewöhnen. Das aber setzt ein regelmäßiges und langfristiges Engagement voraus – und natürlich eine entsprechende Vorbildung und Schulung.

Die Förderung hat viele Facetten

Unter anderem werden in den Gruppen der HPT ‚G‘ die Freude an der Bewegung gefördert und die Fähigkeiten im lebenspraktischen Bereich erweitert. Die Kinder erleben verschiedenste Sinnes-Erfahrungen durch sensorische Spiele und Übungen. Viel Raum gibt es auch für Kreativität (malen, basteln, etc.) und bei Spielen zur Förderung der Konzentration und Wahrnehmung. Und .. und .. und ..

Ein besonderes Highlight ist für die Kinder die jährliche Freizeit. Fünf Tage, in der nicht nur wertvolle Erfahrungen im Sozialen, sondern auch im Bereich der Selbständigkeit gesammelt werden.

Foto:

Angelika Anzinger erläutert den Wochenplan (oben) und zeigt die „Selbstbildnisse“ der Kinder und Jugendlichen

Foto: Gerd Spranger

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