Barbara Stamm: „Den Menschen eine Stimme geben“

Die Lebenshilfe München konnte die Präsidentin des Bayerischen Landtages, Barbara Stamm, für ein Interview gewinnen. Barbara Stamm ist zugleich Vorsitzende des Landesverbandes der Lebenshilfe Bayern und seit vielen Jahren persönliches Mitglied der Lebenshilfe München. Sie ist auch im Kuratorium der Lebenshilfe München vertreten und setzt sich seit Jahrzehnten für die Belange von Menschen mit Behinderung ein. Die Redaktion im Gespräch mit ihr über aktuelle Zeitfragen, Perspektiven und die Arbeit der Lebenshilfe.

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Barbara_Stamm

Barbara Stamm
Präsidentin des Bayerischen Landtags

und

Vorsitzende des Lebenshilfe
Landesverbandes Bayern

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Redaktion: Was hat Sie veranlasst, sich über Ihr politisches Amt hinaus so stark für die Lebenshilfe Bayern/für Menschen mit Behinderung zu engagieren?   

Beeindruckende Lebenshilfe
Barbara Stamm: Schon immer, weit noch vor meiner Tätigkeit als Vorsitzende des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern, war ich beeindruckt von der Lebenshilfe. Sie steht beispielhaft für eine Selbsthilfe-Vereinigung, die sie auch als Träger professioneller Einrichtungen weiter lebendig hält. Eltern, Angehörige und Fachkräfte vereint das Ziel, Menschen mit Behinderung zu einem erfüllenden Leben mittendrin in der Gesellschaft zu verhelfen.

Kraftvolle Stimme
Die gute Sache Lebenshilfe Bayern zu unterstützen, liegt mir am Herzen. Über das „Sprachrohr“ Lebenshilfe ist es mir möglich, meiner Stimme für die Menschen mit Behinderung und für ihre Familien noch mehr Kraft zu verleihen. Ihre Anliegen gehören noch stärker ins Blickfeld unserer Gesellschaft.

Redaktion: Ist das bis heute so geblieben, was hat sich geändert?

Integratives Engagement
Barbara Stamm: Ich stelle fest, die Gesellschaft ist gegenüber Menschen mit Behinderung offener und interessierter geworden. Immer mehr wird das Gemeinsame gelebt. Das verdanken wir vor allem den Lebenshilfe-Vereinigungen, die vor Ort für die Integration immer wieder die Initiative ergreifen, Kontakte knüpfen, Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung ermöglichen und Kooperationen mit Regeleinrichtungen schließen.

Mehr Mitwirkung
Es ist weiter wichtig, den Menschen mit Behinderung eine Stimme zu geben. Vor allem auch ihre EIGENE Stimme. Die Menschen mit Behinderung sind selbstbewusster geworden. Sie sollen alle Möglichkeiten haben, sich selbst einzubringen und mitzuwirken. Es geht schließlich um sie. Jeder auf seine Weise kann seine Wünsche und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen. Da fehlt es seitens der Politik und der Gesellschaft insgesamt noch zu sehr an Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Politischer Frühschoppen
Übrigens fand ich es toll, dass die Lebenshilfe München zu einem politischen Frühschoppen eingeladen hatte. So muss es gehen. Der direkte Kontakt ist entscheidend. Wir brauchen eine Politik für die Menschen, die es in erster Linie betrifft.

Redaktion: Sie sprechen von Bundesleistungsgesetz, Eingliederungshilfe und Sparzwängen. Was meinen Sie damit?

Reform der Eingliederungshilfe
Barbara Stamm: Die Eingliederungshilfe ist eine wichtige Errungenschaft, damit die Menschen mit Behinderung ein Leben mittendrin in der Gesellschaft und ohne Nachteile führen können. Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung braucht die Eingliederungshilfe eine Erneuerung, die eine maßgeschneiderte individuelle Hilfe, das uneingeschränkte Wunsch- und Wahlrecht und die volle Teilhabe erreicht – kurz gesagt: die den Menschen wirklich erreicht. Und zwar JEDEN. Auch den Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und im höheren Alter.

GesellschaftlicheVerantwortung
Dafür steht die gesamte Gesellschaft in der Verantwortung. Die Eingliederungshilfe gehört eindeutig auf alle Schultern verteilt: auf die Kommunen, die Länder und auf den Bund. Deshalb fordert die Lebenshilfe Bayern seit Jahren schon ein Leistungsgesetz, das den Bund an den Kosten beteiligt.

Inklusion kein Sparmodell
Was nicht passieren darf, ist, dass unter dem Deckmantel der Inklusion an den bewährten Förder- und Betreuungsangeboten gespart wird. Es gibt diese Tendenzen, und sie machen vor allem den Eltern von Kindern mit schwerer Behinderung Angst. Inklusion fragt nicht, was der Mensch kosten darf. Inklusion fragt, was der Mensch braucht, um ein menschenwürdiges Leben in einem glücklichen Umfeld leben zu können.

Redaktion: Als Präsidentin des Landtages warnen gerade Sie vor einer „Überbürokratisierung“. Ist das kein Widerspruch?

Eltern geht Kraft verloren
Barbara Stamm: Immer wieder höre ich die Geschichten von Eltern, die erst bis zur Verzweiflung Hürde um Hürde überwinden müssen, bis sie die Leistungen bekommen, die dem Kind mit Behinderung und der Familie zustehen. Eine Hürde sind die unterschiedlichen Zuständigkeiten, eine weitere Hürde ist eine überfrachtete Bürokratie. Das zehrt an den Kräften, die die Eltern doch unbedingt für die Fürsorge ihrer Kinder brauchen.

 Zeit am Menschen kommt zu kurz
Dazu kommt, dass in den Einrichtungen der Behindertenhilfe der Bürokratie-Aufwand gestiegen ist. Die kostbare Zeit der Fachkräfte mit dem Frühförderkind, mit dem Schüler, mit dem Bewohner geht am Schreibtisch verloren. Zu viel Bürokratie ist lebensfern und hemmt die notwendige Hilfe und Unterstützung, die jemand braucht. Das erleben wir nicht nur in der Behindertenhilfe, sondern überall. Das stört mich gewaltig.

Die Bürokratie mehr zurückzudrängen, das habe ich auch in meinem Amt als Landtagspräsidentin zu meinem Anliegen erklärt und mehrfach zum Ausdruck gebracht.

Redaktion: Inklusion ist ein Dauerthema. Woran hängt es Ihrer Meinung nach am Meisten?

Barrieren in den Köpfen, jeder kann sich einbringen
Barbara Stamm: Wir können erfreulicherweise feststellen, dass das Miteinander, das gemeinsame Leben der Menschen mit und ohne Behinderung schon selbstverständlicher geworden ist. Aber es ist eben noch nicht selbstverständlich. Da sind immer noch diese Barrieren in so manchen Köpfen, die verhindern, die Menschen mit Behinderung in erster Linie als Menschen wahrzunehmen, mit Begabungen, mit Wünschen, mit Zielen für ihr Leben. Auch sie wollen sich in unserer Gesellschaft frei entfalten. Sie gehören in unsere Gesellschaft hinein, und dafür kann jeder Einzelne etwas tun – vom Politiker bis zum Nachbarn. Er muss es nur endlich anpacken.

Redaktion: Wenn Sie gefragt werden, warum Menschen für die Lebenshilfe spenden sollen, was antworten Sie ihnen?

Leistungen gefährdet
Barbara Stamm: Lebenshilfe steht für eine individuelle Hilfe ein Leben lang. Sie gibt den Menschen mit Behinderung und den Familien Orientierung und Sicherheit. Ihr Engagement gilt der sozialen Teilhabe. Ihre Arbeit prägt die Wahrung der Menschenwürde.

Ohne private Initiative sind Leistungen der Lebenshilfe immer wieder gefährdet, denn nicht alles ist über die Erstattung der Kostenträger abgedeckt. Und es kommt auch vor, dass anerkannte qualitätsvolle Standards der Hilfe plötzlich von der öffentlichen Hand in Frage gestellt und schleichend abgebaut werden.

Deshalb ist die Solidarität vieler Menschen notwendig – für ein Leben, wie es sich jeder für sich selbst wünscht.

Redaktion: Ihr Wunsch für die Zukunft?

Gutes Gesetz
Barbara Stamm: Ich wünsche mir, dass es endlich konkret und wirklich gut wird mit der Reform der Eingliederungshilfe und wir ein Bundesteilhabegesetz bekommen, das den Prinzipien der Selbstbestimmung, der sozialer Teilhabe und des Nachteilsausgleich gerecht wird.

Aufgeschlossen und neugierig
Für die weitere Zukunft wünsche ich mir, dass die Politik und die Gesellschaft den Bürgern mit Behinderung aufgeschlossen und mit Neugier begegnet. Sie haben uns etwas mitzuteilen. Sie wollen dabei sein und sie wollen mitmachen. Dass die Lebenshilfe hier immer weiter Brücken der Begegnungen baut, wünsche ich mir nicht nur, davon bin ich überzeugt.

Interview: Gerd Spranger

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