Politiker im Gespräch mit der Lebenshilfe München

Auch im Bayerischen Rundfunk (Gesundheitsmagazin) gesendet.
Hier der Link: 
http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen

Ein politischer Frühschoppen mit vielen Wortmeldungen

pufraben_051 Am 16. März ist in München Stadtratswahl. Politiker der Parteien antworteten beim politischen Frühschoppen den Fragen von Menschen mit Behinderung. Auch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und zwölffache Paralympics-Siegerin im Biathlon, Verena Bentele, nahm an der Diskussion teil. Sie kandidiert für die SPD im Münchner Stadtrat. Ebenso Oswald Utz, der Behindertenbeauftragte der Stadt München, der sich als Kandidat für das BÜNDIS 90 / DIE GRÜNEN der Wahl stellt. Auch die anderen Parteien nahmen mit Marian Offman (CSU), Alexandra Grimm (Die LINKE) und Felix Stahl (FWG) am politischen Frühschoppen der Lebenshilfe München teil.   

Geschäftsführer Peter Puhlmann begrüßte die Politiker und Gäste im bis zum letzten Platz besetzten Seminarraum der Geschäftsstelle und übergab das Mikrofon an Ines Hammer von der OBA. „Sie hatte die Idee zu dieser Veranstaltung und sich im Vorfeld dafür sehr engagiert.“

Nach ausgiebiger Brotzeit mit Brezen, Weißwürsten und Getränken musste auf Fragen nicht lange gewartet werden. Schnell waren ein Dutzend Hände in der Höhe und Moderator Christian Hanreich von der Bayernwelle SüdOst hatte seine Mühe, die vielen Wortmeldungen zu berücksichtigen.

F R A G E  :

Wir brauchen mehr Fachkräfte und Betreuer in Putzbrunn. Auch das uns überlassene Tagesgeld reicht nicht aus.

Oswald Utz: Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sieht zwar eine volle Teilhabe vor, doch müssen wir das in der Politik einfordern, damit sie auch wirklich bei den Menschen ankommt. Teilhabe ist nicht umsonst zu haben, dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden.

Marian Offman: Fachkräfte fehlen überall, vor allem aber bei Ihnen, in der Pflege und der Seniorenbetreuung. Wir müssen uns endlich dazu durchringen, diese Leistungen besser zu bezahlen. Nur so können wir die Situation verbessern.

frueh_vier

F R A G E  :

Ich empfinde die Kontrolle in der Wohngruppe als viel zu streng. Sie engt mich ein.

Alexandra Grimm: Kontrolle ist immer schwierig. Über kleine Gruppen und Beiräte sollte es aber einen Weg geben, der für beide Seiten passt. Kontrolle so wenig wie nötig und Selbstbestimmung so viel wie möglich. Selbstbestimmung und Mitsprache sind Grundrechte.

Oswald Utz: Wir brauchen günstigen Wohnraum in München für kleine betreute Einheiten, wie sie manche Organisationen, auch die Lebenshilfe München, bieten. Wir müssen auch neue Modelle andenken. Selbstbestimmung heißt auch, ein persönliches Budget zur Verfügung zu haben, um dann selbst entscheiden zu können was man will.

Marian Offman: Wir haben in München den Regelsatz für Sozialleistungen immer wieder angehoben. Das allein aber reicht sicher nicht aus.

F R A G E  :

Wenn ich mit dem Rollstuhl unterwegs bin, finde ich in den überfüllten Zügen häufig keinen Platz. Selbst der Zustieg ist schwierig, es muss alles so schnell gehen.

Felix Stahl: Ja, das kennt jeder in München. Vor allem im Berufsverkehr herrscht ein Drängen und Schieben, jeder hat es eilig. Es ist die berechtigte Sorge, dass der öffentliche Nahverkehr nur den „fitten Menschen“ offen steht. Wenn der Takt dann auf der Stammstrecke noch von fünf auf drei Minuten gesenkt werden soll, wird sich die Situation beim Zu- und Ausstieg verschärfen. Das darf nicht sein, deshalb muss hier an konstruktiven Lösungen gearbeitet werden.

Marian Offman: Wir brauchen eine andere Kultur, wie etwa in den angelsächsischen Ländern. Eine Kultur der Rücksichtnahme. Eine Kampagne der Stadt München wäre dafür angebracht. Das „Schnell-Verkehrs-System“ muss entflechtet und bessere Bedingungen müssen geschaffen werden.

Verena Bentele: Das ist ein zentrales Thema. Auch hier müssen sich Menschen mit Behinderung viel stärker in der Gesellschaft engagieren. Man muss ihnen die Möglichkeit dazu geben, die Voraussetzungen dafür schaffen.

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F R A G E  :

Warum sind wir behindert?

Oswald Utz: Da wird es interessant. Denn ‚Behinderung‘ wird in Deutschland durch einen Ausweis geregelt, einen Schwerbehindertenausweis. In Skandinavien z.B. gilt das schon, wenn es der Person nicht möglich ist, im ausreichenden Maße am öffentlichen Leben teilzuhaben. Das ist ein ‚leichter Übergang‘.

F R A G E :  

Warum bekommen wir für unsere Arbeit in den Werkstätten so wenig Geld?

Marian Offman: Die Entlohnung legen die Träger fest und in der Regel führt hier nur selten ein Weg in den ersten Arbeitsmarkt. Ein „Mindestlohn für Menschen mit Behinderung“ wäre nach den jüngsten politischen Entscheidungen wohl nicht ganz abwegig. Die Betreuung von Langzeitarbeitslosen – dazu zählen auch Menschen mit Behinderung – muss wieder ganz an die Stadt gehen. Da kann man mit lokalen Maßnahmen mehr steuern. Auch sind bis zu 40 Prozent der Bescheide für Sozialhilfe fehlerhaft. Ein Ombudsmann, eine Ombudsfrau, könnte die Situation verbessern.

F R A G E  :

Warum können sich Firmen ‚freikaufen‘ anstelle für Menschen mit Behinderung vollwertige Arbeitsplätze einzurichten?

Oswald Utz: Die Politik hat diese Möglichkeit geschaffen. Und leider nützt die Wirtschaft das immer mehr. Dieser Entwicklung müssen wir gegensteuern. Nur wer sein ‚eigenes Geld‘ verdient, kann auch wirklich für sich entscheiden und damit selbstbestimmt leben.

Verena Bentele: Die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung müssen deutlich gemacht werden. Wir brauchen eine Kultur des Förderns. Das sollte besonders für die Firmen gelten, sie haben die Möglichkeit dazu.

Schließlich gab es auch von Ehrenamtlichen, die sich bei der Lebenshilfe München engagieren, noch einige Fragen und Einwände. So fordert Franka Zellerer von den Politikern eine einfachere Sprache. „Es muss jeder verstehen können, was gemeint und gewollt ist. Die politische Sprache bleibt zu stark im Unverbindlichen. Auch muss mehr Aufklärung und Information zu wichtigen Themen in „einfacher Sprache“ zur Verfügung stehen. Von Betreuern war Kritik an der neuen Praxis bei der Vergabe von Parkausweisen für Schwerbehinderte zu hören. „Wir bekommen als Ehrenamtliche für unsere Fahrdienstleistungen keine Parkausweise mehr. Das geht so nicht, denn wir können die Gruppe nicht einfach absetzen und dann mit dem Auto eine halbe Stunde für die Parkplatzsuche verschwinden.“

Alexandra Grimm: „Wir haben zur Landtagswahl ein eigenes Audio-Format für die einfache Sprache eingestellt. Das steht auch heute noch offen. Leider können wir das nicht immer pflegen, dafür fehlt das Geld.

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Ein Kommentar zu “Politiker im Gespräch mit der Lebenshilfe München

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