Familienkongress der Lebenshilfe in Berlin

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. veranstaltet mit ihren Partnern vom 06. bis 08. September im FEZ-Berlin einen Familienkongress. Am Freitag spricht die bekannte Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim über „Familien heute. Kontroversen, Konflikte, Kulturkämpfe“. Die Bundesvereinigung hat die Soziologin vorab interviewt, über die Rushhour des Lebens, über den trügerischen Glauben an Tests und über Väter, die optimistisch stimmen. Ihr klares Credo: „Wir brauchen vor allem politische Regelungen und Vereinbarungen.“

Der Kongress:
Wir machen Gesellschaft: Familienkongress der Lebenshilfe und ihrer Partner. 6.-8. September2013 im FEZ-Berlin. Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung. Die Möglichkeit dazu, alle Programm- Infos, organisatorische Details und Material, wenn Sie Werbung für den Kongress machen möchten, gibt’s auf www.lebenshilfe-familienkongress.de .
Lesen Sie doch schon mal herein und schauen Sie vom 6. bis 8. September in Berlin vorbei!

Prof. Dr. Elisabeth Beck-Gernsheim

„Wir brauchen vor allem politische Regelungen und Vereinbarungen“

In den 1950er und 1960er Jahren gab es ein Leitbild von Familie: Mann und Frau, verheiratet, bis zum Tod zusammen, gemeinsame Kinder und möglichst mehrere. Das war allgemein akzeptiert und wurde auch von den meisten befolgt – was nicht heißt, dass es nicht untergründig und heimlich durchaus konkurrierende Lebensformen und Beziehungen gab, von Homosexualität bis zur versteckten Liebesaffäre bis zum unehelichen Kind.

Seit damals hat sich das Bild von Familie tiefgreifend gewandelt. Das kann man zum Beispiel erkennen, wenn man einmal in die Familienberichte der Bundesregierung schaut oder Fernsehsendungen und Presseberichte über den Zeitraum der letzten Jahrzehnte vergleicht. Heute versteht man als Familie nicht nur diejenigen, die Verlobung und Standesamt absolviert haben und einen Ehering vorweisen können. Stattdessen heißt es heute vielfach, Familie ist da, „wo Kinder sind“. Nach dieser Definition bilden offensichtlich auch Alleinerziehende mit Kindern eine Familie oder homosexuelle Partnerschaften mit Kindern, das finde ich vernünftig. Nicht einbegriffen wären dann allerdings Paare ohne Kinder – wo bleiben die?

 Wollen junge Menschen heute eigentlich noch Familie?

Ja, durch die Jahrzehnte hindurch wird Familie als wünschenswertes Lebensziel angegeben, bis heute. Die Frage ist nur, was junge Menschen damit meinen: Ehering oder Lebensgemeinschaft oder überhaupt Partnerschaft? Kinder oder keine? Und selbst wenn sie Kinder meinen, ist über die „Umsetzung“ noch nichts gesagt. Bei Kinderwunschstudien kommt immer wieder heraus, dass die meisten der jungen Männer und Frauen mehr Kinder wollen als sie nachher tatsächlich bekommen.

Können Sie Ursachen dafür benennen?

Quer durch die verschiedenen Parteien und politischen Lager ist heute von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie die Rede. Sie wird gepriesen, beschworen, gepredigt. Nur leider: Sie ist weiterhin Utopie. Zwar hat es in den letzten Jahrzehnten unbestreitbar viele Anstrengungen und Maßnahmen gegeben, um diesem Ziel näher zu kommen. Aber gleichzeitig hat sich die Arbeitswelt immer schneller gewandelt – ich sage nur die Stichworte Mobilität und Flexibilität als Forderung, die die Arbeitnehmer dauernd erfahren –, und sie ist im Zuge dieses Wandels nicht familienfreundlicher geworden, im Gegenteil. Frauen erfahren immer wieder: Es gibt nie den idealen Zeitpunkt, schwanger zu werden. Erst muss die Ausbildung fertig gemacht werden, dann muss der Berufseinstieg gelingen, dann muss die berufliche Position gefestigt werden. Und wenn man bzw. frau dann zum Chef geht und sagt: „Ich bin schwanger“, dann sagt der – das ist gerade einer Freundin von mir passiert –: „Oh Gott!“ Das war dann seine Gratulation!

 Wie sehen Sie diese Situation in Familien mit behinderten Kindern?

Die Schwierigkeit, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, ist da noch einmal verschärft. Viele Frauen wissen: Angesichts der Gebote von Mobilität und Flexibilität geraten sie schon mit einem Kind ohne Behinderung beruflich ins Hintertreffen, weil sie eben nicht voll und bedingungslos einsatzfähig sind. Und dann erst ein behindertes Kind: Da können sie viele berufliche Wünsche vergessen, müssen dankbar sein, wenn sie noch irgendwie irgendwo einen Randplatz fern aller Aufstiegswege behalten. Hier ist ein wesentlicher Grund, warum viele zum Beispiel den Test auf Down-Syndrom machen, denn das ist die Behinderung, die wohl am bekanntesten ist: Die Frauen haben Angst, dass sie „im Falle des Falles“ aus der Berufswelt herausfallen und sich im Frauenleben früherer Generationen wiederfinden, nun nicht mehr zwischen Küche und Kirche, sondern zwischen Küche und Kinderarzt und Krankengymnastik. Das ist das Dilemma, das ich durchaus sehe, in dem die Frauen stecken, und ihre Angst ist ja durchaus begründet. Aber ich habe – und dafür bin ich wiederum kritisiert worden – den Glauben an diesen Test kritisiert, denn es ist ein Irrtum zu meinen, mit dem Test hätte man dann die Garantie für ein Kind ohne Behinderung. Eine solche Garantie wird es nie geben! Wir brauchen, jenseits aller Tests und aller Technik, vor allem politische Regeln und Vereinbarungen, um der Vereinbarkeit von Beruf und Familie endlich näher zu kommen – und dies für alle Eltern, ob mit behindertem oder mit nicht behindertem Kind.

 An welche Regeln denken Sie dabei in erster Linie?

Nun, zum Beispiel die Frage: Was geschieht im Fall einer Krankheit des Kindes? Kann man dann, ob Mann oder Frau, zuhause bleiben und das Kind betreuen? Solche Regeln sind wichtig, und genauso wichtig sind die öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten, auf die man ja ab dem August einen Anspruch hat. Aber noch fehlen viele Plätze, und bekanntlich können Sie das Kind nicht einem zugesagten Anspruch übergeben, sondern nur einer real existierenden Betreuungsinstitution. Gut wäre es auch, die Einstiegsphasen in Beruf und Ausbildung zu verlängern und dort vorhandene – ausgesprochene oder unausgesprochene – Altersbeschränkungen aufzuheben. Im Moment müssen junge Männer und Frauen zwischen 20 und Mitte 30 möglichst alles schaffen: Ausbildung, Einstieg in den Beruf, Etablierung im Beruf, Partnerschaft, Kinderkriegen. Das ist, soziologisch gesprochen, die Rushhour des Lebens. Wenn diese ein wenig mehr gestreckt werden könnte, würde das schon viel erleichtern. Und noch ein Punkt: Die Elternzeit, sprich die Einbeziehung der Väter ist ein wichtiger Schritt – man muss ja auch mal erwähnen, was gut gelungen ist. Sie wird zwar noch lange nicht von der Mehrheit der Väter genutzt, aber doch immerhin von einer wachsenden Minderheit. Das könnte – Sie sehen, ich bin Optimistin – ein Anfang sein, der Einstieg zu mehr selbstverständlicher Väterbeteiligung.

Sie haben eine Gastprofessur in Norwegen –
ist man in Skandinavien schon weiter fortgeschritten, was Familienfreundlichkeit anbelangt?

Ja, und dort kann man auch sehen: Es ist sicher ganz wichtig, dass es politische Regelungen gibt, aber genauso wichtig ist insgesamt auch eine andere Grundstimmung – eine Grundstimmung, die man wirklich spürt. Dazu eine kleine Geschichte: Ich war vor kurzen in Schweden und sprach mit einer Frau, einer gebürtigen Deutschen, die sich in einen Schweden verliebt und ihn geheiratet hat und mit ihm ein Kind bekam. Sie ist Journalistin und hatte einen Interview-Termin bei einem Minister. Ihre Kinderfrau war aber krank geworden, da nahm sie einfach das Kind mit und übergab es im Vorzimmer dem Sekretär des Ministers. Als sie nach dem Interview wiederkam – was sagte der Sekretär? Er sagte nicht: „Wie können Sie das Kind mitbringen ins Ministerium zu einem Interview, das ist ja unprofessionell.“ Nein, das sagte er nicht, sondern: „Haben Sie aber eine nette Tochter, so eine möchte ich auch mal haben.“ Das meine ich mit Grundhaltung.

 Liebe Frau Beck-Gernsheim, danke für das Gespräch!

Interview: Kai Pakleppa
Texterfassung: Christina Tenczer
Textredaktion: Dr. Angelika Magiros

ELISABETH BECK-GERNSHEIM: KURZBIOGRAPHIE

Elisabeth Beck-Gernsheim ist Professorin für Soziologie. Nach dem Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie in München lehrte sie an den Universitäten Gießen, Hamburg und Erlangen-Nürnberg und war fellow am Wissenschaftskolleg Berlin, an der Universität Cardiff (Wales, Großbritannien) sowie am Hamburger Institut für Sozialforschung. Zur Zeit hat sie eine Gastprofessur an der NTNU/Universität Trondheim (Norwegen).

 Ihre Forschungsschwerpunkte:

Arbeit und Beruf, Familie und Geschlechterverhältnisse, Migration und multi-ethnische Gesellschaft, Technik und Technikfolgen.

 Ihre Buchveröffentlichungen (Auswahl):

– Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt/Main 1990 (zusammen mit Ulrich Beck)

– Welche Gesundheit wollen wir? Dilemmata des medizintechnischen Fortschritts. Frankfurt 1995 (Herausgeberin)

– Die Kinderfrage heute. Über Frauenleben, Kinderwunsch und Geburtenrückgang. München 2006

– Wir und die Anderen. Kopftuch, Zwangsheirat und andere Missverständnisse. Frankfurt/Main 2007

– Was kommt nach der Familie? Einblicke in neue Lebensformen.

München 2010

– Fernliebe. Lebensformen im globalen Zeitalter. Berlin 2011 (zusammen mit Ulrich Beck)

Ihre Homepage:

http://www.beck-gernsheim.de

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